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Säkkinger Epiſteln. 45
— wie ſoll ihn der Polizeirichter ſtrafen? Die Liebe geht ihren
eigenen Weg, die Liebe ſollte von Rechts wegen auch an den
Wänden hinaufklettern und Scheiben einſchlagen dürfen! Zum
Glück iſt auch die deutſche Beweistheorie galant.
Ein Zeuge liefert keinen vollen Beweis; folglich wird der
Fenſtereinſchlager für klagfrei erklärt; und wie ihm der Richter
das Urteil eröffnet, fügt er noch die ſtrenge und gemeſſene
Weiſung bei, daß er hinfüro ſeinen Schatz nur bei Tag be⸗
ſuchen ſolle, und beruhigt ſich bei dem Gedanken, daß er einen
Schuldigen weniger in den Turm geſteckt hat, dadurch, daß
ſein Spruch vielleicht im Herzen eines Wälder Maidlis einen
dankbar frommen Glauben an die Gerechtigkeit der Polizei be⸗
eſtigt. — .
Auch ein paar Burſche aus dem Rheintal ſtehn als arme
Sünder vor den Schranken des Gerichts; 's ſind ſonſt ſeltene
Erſcheinungen vor dem polizeilichen Forum, die Rheintäler,
ein fiſchblutiges, philiſterhafteres Geſchlecht im Vergleich zu der
waldurſprünglichen Roheit der Hauenſteiner. Aber die drei
langen Geſellen von Oberſchwörſtädt ſind diesmal dem ſchwar⸗
zen Verhängnis verfallen. Streng inquiriert der weiſe Dok⸗
tor Joſephus nach ihrem Verbrechen, und ſie bemerken nicht,
daß er manchmal krampfhaft auf die Lippen beißt oder ſeit⸗
wärts ſchaut, um nicht hellauf zu lachen; — nein, ſie erzählen
ganz ſchwermütig ihr Unrecht und meinen am Ende ſelber, es
ſei eine Sünde geweſen. — Zu größerer Erbaulichkeit der Ge⸗
müter haben die Militärbehörden im Verein mit den Bezirks⸗
ämtern alle öffentlichen Aufzüge, Maskeraden uſw. am Aſcher⸗
mittwoch aufs ſtrengſte verboten, und was haben dieſe Bumm⸗
ler zu Schwörſtädt getan? Vom Faſtnachtsdienstag abend bis
Aſchermittwoch früh ſind ſie gar nicht zu Bett gegangen, ſon⸗
dern haben getanzt und gejubelt wie die Lerchen, und am
Aſchermittwoch haben ſie den Frühſchoppen für permanent er⸗
klärt, und wie allmählich des Katzenjammers ſanfte Macht
über ſie kam und moraliſche Betrachtungen aus den vielfach
geleerten Schoppen aufſtiegen, da haben ſie beſchloſſen, dem
Aſchermittwoch und ſeinem Memento mori einen wehmütigen
Kultus zu veranſtalten, und haben einen Strohmann ange⸗
fertigt und haben ſich lange Leintücher umgehängt und ſind
mit leeren Schoppengläſern unter Trauergeſängen hinausgezo⸗
gen durchs Dorf und haben dort den Strohmann, „die alte
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