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Säkkinger Epiſteln. 49
wir junges Volk von Säkkingen hinausgezogen an den ſtillen
Bergſee im Tannenwald und haben — dem tiefinnerſten Zuge
germaniſchen Weſens getreu — ein paar Stückfaß Bier mit
hinausgenommen, dann einige tüchtige Züge Hechte und Karp⸗
fen gefiſcht und uns auf einer prächtigen Felskuppe gelagert,
um dem Frühling und ſeinem geliebten Sohne, dem Mai, ein
friſches Feſt zu feiern.
Und ein großes Maifeuer iſt angezündet worden, darin wurde
der Fiſchfang gebraten, und ein jeder verzehrte ſeinen An⸗
teil an ſelbſt vom Gezweige der Tannen geſchnitzter Gabel,
und die Lieder und die Gläſer klangen, und die Frühlingsſonne
ſchien ſo innerlich und warm drein, als könnte ſie nicht genug
ihr Wohlgefallen an dieſem Häuflein getreuer Frühlingsjünger
ausdrücken, — und zuletzt war ganz vergeſſen, daß Volks⸗
verſammlungen, Reden und Demonſtrationen im Kriegszu⸗
ſtand verboten ſind, und ſogar er, der Wächter des Geſetzes,
der Reſpizient in Polizeiſachen, ſtieg auf einen Felsblock und
hielt, an eine alte Tanne gelehnt, eine Frühlingspredigt über
den Text:
T et Darum lob' ich den Sommer,
Dazu den Maien gut,
Der wendet allen Kummer
Und bringt viel Freud und Mut.
Der Zeit will ich genießen,
Dieweil ich Pfennig hab',
Und den es tut verdrießen,
Der fall' die Stiegen herab! —
Und wenn auch dieſe Standrede lediglich den Prinzipien
der Ordnung — in der Natur — und der legitimen Erbfolge
auf den Thron — in betreff der Jahreszeiten uſw. gewidmet
war, ſo weiß ich doch nicht, ob die ungebundene Heiterkeit
derſelben den Beifall ſämtlicher Zivil⸗ und Militärpolizeibe⸗
hörden gefunden hätte, wenn ſie dabei geweſen wären.
Ich tröſte mich aber damit, daß andere ſachkundige Leute
ſie anhörten, die lediglich davon erbaut waren, — wenigſtens
haben am Schluß die alten Schwarzwaldtannen in ihren Wip⸗
feln beifällig gerauſcht, und der Bergſee unten murmelte, und
hinten am Fels ſtand mein werter Freund, der Meyſenharts
Joggele, und lachte ganz ſeelenvergnügt und drohte mit dem
Finger: „Wart', du vermaledeiter Doktor!!“
Scheffel. VII. 4
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