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50 Epiſteln und Reiſebilder. I.
Siebente Säkkinger Epiſtel.
Säkkingen am Rhynſtrom, den 11. Mayen 1851.
Myn lieb und frumm Schweſterlin Maria!
Dermalen dir ein ſunderbarlicher Bruder durch unſerer lie⸗
ben Himmelskuniginn Maria und dyner Eltern Fürſicht be⸗
ſcheeret worden, mueßt du's auch hinnehmen, ſo er dir ſunder⸗
barlich Brieff und Zügs gen Carlesruhe ſchrybt.
Und was es neulich ayn kuehler Mayentag, und was aller⸗
hand Gruenes an Strauch und Studen hervorgebrochen, und
rauſchete der alte Rhyn vergnueglich durchs wyte Land und
ſprach zue ſich ſelbſten: „Sintemal Fruehling heryngezogen
ueber Gottes wyte Welt, iſt's ein fein luſtig Geſchäft, die
Wellen und Waſſerſtrömung talab zu fuehren, und kümmert's
mich nit eines Nixenhaares Breyte, was der Schwyzer im Aar⸗
gaue ſchimpfirt und der Saekkinger Burgersmann fuer Späne
hobelt: Hui⸗joh! vorwärts,“ und trieb ſyne Wellen, als wär
er von altersher ein Floßknecht von Baſel geweſen.
Stand dazumalen der Dr. Scheffel an ſynem Fenſter, von
wannen er ſchon oftmalen in den Rhyn gelueget und ſyne Ge⸗
danken als wie eyn Fiſchreyher über die Waſſerfluet hinfliegen
und kreyſchen gelaſſen, und ſprach auch zue ſich ſelbſten:
„Menſchenkind, du biſt wiederumb zu lang by dynen rauhen
Frynden, den Waeldern, geweſen und haſt dir eytel Schnee um
den Bart wehen laſſen und bym biedern Pfarrherrn ze Her⸗
riſchried viel kuehlen Biers getrunken und manch rechtſchaf⸗
fenen Auerhahn, ſo auch noch lieber im Tannenwald ſyner
Liebſten nachgezogen waer und ſich an Tannenzapfen muehſamb⸗
lich geletzet haett', ohn Erbarmen zum Veſperimbiß aufgezeh⸗
ret, und haſt nit vermerket, daß im Tal der Holunder luſtig
Blattwerk und Knoſpen getryben, und es ſich ſonder Gefaehrde
auf Heerſtraßen ſpazieren laſſet. Von deſſentwegen, altes
Menſchenkind, das zu Zyten als fahrender Schueler in düt⸗
ſchen Landen vagabundiret, nimm dynes Stechpalmſtocks und
zeuch aus, daß dir die Maienſonne des Schaedels erwärme.“
Alſo zog ſelbiger Dr., ſo aygentlich eyn Schryber bym
Ambt geweſen und ſelbigen Mittages von Rechts wegen uff
ſyner Canzeleyen des Dienſtes haett pflegen ſollen, von Säk⸗
kingen us, ohne zu wiſſen, warum und wohin.
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