Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 54
(PDF, 54 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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54 Epiſteln und Reiſebilder. I.

oben nach unten, und an viel Orten was das Gebäud noch gar
nit fertig uffgericht't, und was erſt ein Anſatz zu ayner Säulen
oben an der Decke und eyn glycher Anſatz unten am Boden,
und waren aber noch nit zuſammengetroffen zu aynem Gan⸗
zen, ſondern luegeten ſehnſüchtiglich aynand zu, und die Trän⸗
lin, ſo das ober Staynrohr waynete, fielen auf das untere an,
und ſatzten ſich feſt und wuchſen in die Hoeh — alſo daß es
alle 100 Jahr von den Traenentropfen um eines Fingers breit
nach der Decke aufſchießt. Und dieweil ſie am End doch zu⸗
ſammenkommen, iſt nit ohne Grund anzunehmen, daß die
Tropfſtein länger umb einand weynen als die Menſchenkind,
ſo aynand lieb haben und nit beyſamm ſyn können; — und
ferners, daß ein lang und hartnäckig Waynen untereinsmalen
auch zu was guet iſt.
Und dem Doctori ſo jetzund merkete, daß er nit in ayn Fels⸗
keller, ſondern in ayn groß unterirdiſch Prachtwerkſtatt ge⸗
fahren, zogen viel ſchöne Gedanken im Kopf herum, dieweil
es ihm von der Decke auf den Schädel getropfet und er aynen
Hauch vom Tropfſteingeiſt verſpüret. Das Erdmännlein aber
ſprach: „O homo sapiens Linnäi, nit wahr, an myner Kien⸗
fackel und dieſer Höhlen Gewaltſamkayt iſt euch ayn Licht uff⸗
gegangen, daſz ihr Geſellen da draußen das Groß in der Welt
nit allayn gepachtet, — und was iſt aller Lärm und Rumorens
und Himmelsſtürmens, ſo fürnehmlich ihre fahrende Schueler
in die Welt gebracht, genüber der ſtillen Herrlichkayt, der
wir Erdmännlein im tiefen Bergesſchacht taylhaft ſind! Und
was in unſerer Hoehlen ſchafft und waltet, und dem Stayn
die Traenen ſchenket, und den Bach aus unterirdiſchen Klüften
vorbrauſen und die Säulen erklingen laſſet, und wir graue
Männlein ſelber ſind all ein Stück der Gotteskraft, und in
jedwedem, es mag von Stein und Bein, oder von Fleiſch und
Blut genaturet ſeyn, arbeitet der Weltgedanke, und ihr habt
nit allayn mit Löffeln davon gefreſſen. Und weil ihr ver⸗
nagelte Doctores da draußen euere Menſchen⸗ und Buchweis⸗
heit für's höchſt gehalten und euch in eure ledernen ideas ſo
hineingelebet, daß ihr der Natur fremd geworden, und nit
mehr zu leſen verſteht, was in tiefen Erdritzen und auf Berges⸗
höhen und an den Ysgletſchern wie in des Veſuvii Lava ge⸗
ſchrieben ſtaht, — und weil ihr dadurch eure ſo nah anver⸗
wandten Schöpfungsgenoſſen, den Fels im Berg, den Bach


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