Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 55
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Säkkinger Epiſteln. 55

im Tal, den Tannenbaum auf der Hoeh ſo grauſamblich ver⸗
nachlaeſſigt habt, und weil dieſe guten Geſellen auch ayn gut
Wartung und Pfleg und Kurzweil haben müſſen, ſo ſind wir
kleine Männlein und unſere ganze Zunft, die Kobold und
Zwergen und Nixen und Elfen und Gnomen und Irrlichter
nachgewachſen, und iſt unſer Dienſt und Aufgab, die Lück'
wieder auszufüllen, die ihr Menſchenkind in eurer Einſeitig⸗
keit in die Welt habt einreißen laſſen. Wer würd' die Hoehl'
da innen ſauber halten und den Tropfſteinen bey ihrem langen
Weynen auf ihren klingenden Säulen hie und da ein luſtig
Liedel vorſpielen, wenn nit wir Erdmännlein hingeſatzet wae⸗
ren? Und ſo lang ihr nit da draußen zum ganzen und vollen
Verſtandnuß der Natur zurückkehret, ſo lang ſeyd ihr nit allein
Mayſter in der Schöpfung und müßt euch gefallen laſſen, wenn
ihr den Schaedel noch manchmal da anſtoßet, wo ayn bieder
Erdmännlein beſſer Beſchayd wayß, als ihr.“

Und wie das Männlein ſein Sermon vollendet, da kicherte
es aus allen Bergſpalten herfür, und aus den Tropfſteinſäulen
kam ein gewaltig Getön, wie ſpöttiſch, und die Tropfen an
der Decke erglänzten und zwinkelirten in allen Regenbogen⸗
farben, und der Dr. hörte unter ihm was munkeln, wie wenn
ein ander Erdmännlein ſpräche: „Der hat's dem großen Men⸗
ſchenkind ordentlich geſagt!“ —

Des Doctoris kleiner Führer aber zündete ayn newen Kien⸗
ſpan an und führte denſelben wyters und zaygete ihm die
ganz Hoehlenpracht. Und kamen in aynen Gang, da verengete
ſich das Gefels ſo merklich, daß der Dr. auf allen vieren des
Weges kroch und doch noch mannigfach Kopf⸗ und Rippen⸗
ſtoeße vom Tropfgeſtein zu erlyden hatt. Dann aber traten ſie
wieder in ayn hoch gewölbten Raum, wo die Säulen mächtig
an die Decke aufſtiegen, und was hier alles gefüget als wie in
ayner Kirchen! Und war deutlich an ayner Säule ayne wohl⸗
geſtaltet Kanzel wahrzunehmen, und war am Boden ayn groß
viereckig Felsplatten, wo an vier Seiten regelmäßig feine Säu⸗
len ſtanden, als wie ein fürnehmb Grabdenkmal von eynem
Erdmannskönig, und was an aynem andern Platz der Tropf⸗
ſtein alſo merkwürdig ineinander gewachſen, daß es nit an⸗
der's darſtellete als eyn groß ſteinern Standbild der Himmels⸗
koenigin Maria mit dem Heiland auf dem Schoß, ſo wie frumme


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