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60 Epiſteln und Reiſebilder. I.
kriſtalle bei uſw. „Am Golde hängt, nach Golde drängt doch
alles.“
Gegen Klus und Amſteg hin wird's ſchon wilder. Die hohe
Windgälle und andere konſiderable Honoratioren der „haute
volée“ recken ihre Häupter empor; auf melancholiſcher Feld⸗
wand, grün umwachſen, ſchauen hinter Silenen ein paar alte
Mauertrümmer in die Reuß herunter, die Reſte von Geßlers
Sitz Zwing⸗Uri.
Hier iſt eine Epiſode nötig, um geſchichtliche Vorurteile zu
beſeitigen. Wer in dieſer öden Gebirgswelt zu Fuß marſchiert,
der hat die rechte Stimmung, um ins Gemüt derer hinein⸗
zuſchauen, die auf dieſen Burgen hauſten und als Zwingherren
verſchrien ſind. Wir beide, der Profeſſor der Geſchichte und
der fahrende Schüler von Säkkingen, wurden geneigt, milder
zu urteilen. Schade, daß die Zeit der deutſchen Romantik
vorüber iſt, unſere Auffaſſung würde Aufſehen erregen.
Man denke ſich den germaniſchen Freiherrn — Geßler oder
Landenberg oder wie er heißen mag, — unter ein zweifel⸗
haftes keltiſches Volk und in dieſe Felseinſamkeit hereingeſetzt,
ein tugendhaftes, nüchternes, ſinniges Gemüt. Aber hier hört
aller Anklang auf. Der Fels ſtarrt ihn an, die Reuß brauſt
langweilig gleich zu ihm herauf, die Menſchen verſtehen ihn
nicht, kein Sang, keine Minne — nichts. Es überfällt ihn
eine ungeheure germaniſche Melancholie. Er ſitzt in ſtillem
Schmerz beim Humpen und trinkt den welſchen Landwein mit
tiefer Innerlichkeit. Auch das hilft nichts. Iſt's da ein Wun⸗
der, daß zuletzt eine Saite oder zwei in ſeinem Seelenleben
reißen? Er bedarf etwas Pikantes, die Natur, Erde und Wol⸗
ken ſind hier barokk — er verfällt auch aufs Barokke und
treibt Unſinn, ſteckt ſeinen Hut auf eine Stange, läßt einen Tell
ſeinem Sohn den Apfel vom Kopf ſchießen — bereitet ſich ein
Bad, wie der Herr von Landenberg — oder macht's gar, wie
der Burgherr von Fardün im Schamſertal, der um Mittags⸗
zeit von ſeiner Burg herabzuſteigen und den Bauern beim Mit⸗
tagsmahl in die Suppe zu ſpucken pflegte.
Man nenne das Melancholie, man nenne es Katzenjammer
— aber man ſpreche nicht von Deſpotismus oder Tyrannei.
Dieſe Burgherren waren gewiß ſelber deutſche Romantiker
vom beſten Korn: man muß nur bedenken, daß in dieſen Ber⸗
gen und in dieſem Nebel der pſychologiſche Maßſtab ein an⸗
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