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62 Epiſteln und Reiſebilder. I.
zerpreſſend auf den homo sapiens Linnäi einwirken, der durch⸗
marſchiert. Rieſenhafte Felsblöcke liegen in wilder Unordnung
herabgeſtürzt im Tal, andere ſchauen halb abgelöſt von den
Zoͤhen der Felswände herunter, unten kracht und tobt die
euß.
Auch hier iſt eine Epiſode nötig, um naturgeſchichtliche Vor⸗
urteile zu beſeitigen. Warum liegt ſo mancher Block, der hoch
oben als Kuppe gethront, lebensmüde und gebrochen im Tal?
Iſt's bloß das Schneewaſſer, das, in ſeinen Ritzen wühlend,
ihn herabgeſtürzt hat — oder iſt's der Föhn?
Über das Seelenleben der Pflanzen hat ein Tübinger Dok⸗
tor ein großes Buch geſchrieben; aber an das Seelenleben der
Felſen hat noch keiner gedacht. Ich bin überzeugt, daß die⸗
ſelben Urſachen, die den germaniſchen Menſchen in dieſer Teu⸗
felsnatur zu Geßleriſchen Taten trieben, auch den Fels in
die Tiefe ſtürzten. Die Melancholie wirkt gar gewaltig. Man
denke ſich ſo einen Felsrieſen oben auf ſeiner nebelumwölk⸗
ten Höhe, nichts als gleiches Geſtein um ſich; — ein Fels
hat zwar ein etwas ſchwer zugängliches Gemüt, nicht jeder
momentane Eindruck regt ihn auf, aber wenn einer einen jahr⸗
tauſendelangen Schmerz auszubrüten hat wie ein ſolcher Fels,
— oder an einer jahrtauſendelangen Liebe zehrt, etwa nach
dem Heidekraut, das unten in dem Schaum der Reuß noch
ſeine roten Glöcklein lockend aufſprießen läßt — oder nach dem
unſtet fortbrauſenden Waſſer, das täglich höhnend an ihm vor⸗
übereilt, dann muß es endlich auch bei einem alten, harten
Felſengemüt zum Durchbruch kommen.
Er ſeufzt ſchweigend, löſt ſich los von ſeinen Banden und
ſtürzt ſich — ein Opfer der Melancholie — talabwärts, und
hat er etwa das Heidekraut erdrückt, oder ſprudelt das Reuß⸗
waſſer nach wie vor höhniſch an ihm vorüber, ſo bricht das
alte Herz und ſtirbt.
Beim Eingang ins Schöllinental lag ein ungeheurer Fels⸗
melancholiker herabgeſtürzt, der turmhohe Teufelſtein.
Wir hielten in ſtiller Rührung und tranken ihm aus der
Feldflaſche einen teilnahmvollen Schnaps zu.
Aber die Felswand ſchien's nicht gut aufzunehmen, daß wir
die Herzensgeheimniſſe ihres Kollegen aufgedeckt. Immer dro⸗
hender und enger wurde der Paß, lauter krachte die Reuß,
und ein feiner Nebel kam hinter uns drein, ſo daß die Unge⸗
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