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Ein Bericht aus der Schweiz. 65
und bald fiel ein penetranter Nebel nieder, der bis auf die Haut
durchnäßte.
Auf der Fläche des Berges — oder eigentlich der Gebirgs⸗
kette, denn der Gotthard iſt kein einzelner Berg — liegt das
Hoſpiz bei zwei kleinen Seen, deren einer die Reuß nach dem
Vierwaldſtätter See, der andere den Teſſin ſüdwärts ausgießt.
Maſſen von altem, hartgewordenem Schnee lagen auf der
Straße; endlich befanden wir uns wieder vor menſchlichen
Wohnungen — das Hoſpiz war erreicht.
Die Waſſerſcheide hier oben iſt zugleich auch die Sprach⸗
grenze. Die Menſchen auf dem Hoſpiz ſind ſchon welſch, —
wir ſollten gleich hier die Vollkommenheiten italieniſchen Cha⸗
rakters kennen lernen.
Das eigentliche Hoſpiz, wo früher der Reiſende bei den
Kapuzinern gaſtliche Pflege fand, iſt in Verfall geraten, man
kehrt im Wirtshaus — in der dogana ein. Bei praſſelndem
Kaminfenuer wurde der erfrorene Menſch getrocknet und mit
rotem Teſſinerwein ausgewärmt; es kehrte allmählich, während
draußen der Sturmwind heulte und der Regen an die Fenſter
ſchlug, ein behagliches Gefühl zurück. Zwei Züricher Fuß⸗
reiſende wärmten ſich mit uns, — daß ich einsmals mich auf
einen infam alten Strohſtuhl ans Kamin ſetzend, durch dieſen
durchbrach und unter den Trümmern des Stuhls rückwärts
zu Boden fiel, erregte nur Heiterkeit. In angenehmem Bei⸗
ſammenſein warteten wir Wanderer das Ärgſte des Wetters
ab. Zuerſt gingen dann die Züricher, der Sprache und Be⸗
handlungsweiſe der Leute ſehr kundig, weiter.
Auch wir wollten bald nachfolgen. Als aber die Zeche be⸗
zahlt war und wir uns zum Abmarſch rüſteten, kam noch die
signora padrona und hielt eine zierliche Rede, aus der mir
nur die Worte sedia rotta und trenta bazzi hervorklangen.
Nach näherer „Verſtändigung“ ergab ſich, daß ich für den
zerbrochenen Stuhl, der widerſtandslos unter mir zuſammen⸗
geknackt war, 30 Batzen zahlen ſollte. Dies empörte mein Ge⸗
müt, das die Vorſtellung germaniſcher Gaſtfreundſchaft auch
an das Hoſpiz auf St. Gotthard knüpfen wollte, gewaltig.
In zierlichem Rotwelſch ſchlug ich's der durchaus keltiſchen
Wirtin ab. Ein zweiter und dritter Sturm, zu dem noch die
Kellnerin als Adjutant beigezogen wurde, ward ebenfalls abge⸗
ſchlagen.
Scheffel. VII. 5
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