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Aus den rhätiſchen Alpen. 67
hüllte alles ringsum in einen Nebel ein, der uns wie Sieg⸗
frieds Tarnkappe unſichtbar weitermarſchieren ließ.
Keine drei Schritte ringsum ließ ſich die Gegend erkennen,
in grauer Unermeßlichkeit lag alles vor und unter uns, nur
die großen Granitpfeiler zur Seite der Straße ließen den Weg
verfolgen — oder ein dumpfes Rauſchen des ſeitwärts bergab
eilenden Teſſin warnte vor falſchem Pfad.
Da, wo die neue Straße rechts ab ins Val Vedretto führt,
trafen wir eine menſchliche Behauſung und einen halbwilden
Hirtenknaben, der mißtrauiſch unter ſeiner mit Adler⸗ und
Geierfedern ausſtaffierten Kappe hervorlugte. Nach gepflogener
Zeichenſprache aber, bei der ein Zwanziger die Hauptrolle
ſpielte, fand er ſich bereit, uns auf näherem ſteilen Fußpfad
nach Airolo hinabzuführen. Bald waren wir unten; für die
möglichen großartigen Punkte waren wir freilich unempfind⸗
lich, Waſſerfälle und Felſen blieben durch uns unberückſichtigt,
Herz und Sinn der abermals bis zur Haut Durchnäßten war
nach einer Herberge gerichtet. Dieſe, und zwar eine gaſtlichere
als auf dem Hoſpiz, fand ſich denn auch im albergo Camossi
zu den Drei Königen, wo ſich der müde Menſch ſoweit tunlich
reſtaurierte. — — —
Aus den rhätiſchen Alpen.
(1851.)
Die Abendglocken waren verklungen, und das leiſe Glührot,
das von den fern aufſteigenden Spitzen der Rhätikonkette ins
Tavetſcher Tal grüßend herübergeleuchtet hatte, war in das
Nebelgrau der Dämmerung übergegangen, als wir von den
Höhen von Chiamut und Rüäras herab im alten Diſſentis ein⸗
zogen. Wer über die gefährlichen Päſſe der Oberalp herüber⸗
geklommen iſt ins Bündner Land, der denkt des Abends, nicht
minder als an rauhe Schönheit zurückgelegter Gebirgspfade,
auch an ſichere Herberge zur Pflege der müden Knochen. Dieſe
findet er aber zu Diſſentis am Fuß der weitaufſteigenden Klo⸗
ſtermauern in hinreichender Fülle.
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