Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 68
(PDF, 54 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0070
68 Epiſteln und Reiſebilder. I.

Bei würzigem Valtelliner Wein, in deſſen Unvermeidlichkeit
in dieſem Gebirgsſtrich ſich der Wanderer gerne fügt, und bei
zartem Gemſenbraten, der erſten Beute der am 1. September
eröffneten Jagd, verſchwinden die kniezerbrechenden Erinnerun⸗
gen, und bei der Wärme des primitiv geformten Ofens läßt
ſich, wie am heimiſchen Winterabend, von alten Geſchichten
plaudern.
Diſſentis ſelbſt und der bis jetzt durchwanderte Teil des
Oberlandes geben hinreichenden Stoff hiezu.
Leider haben die Kämpfe der franzöſiſchen Revolutionszeiten
hier die urkundlichen Quellen alter Kloſtergeſchichte vernichtet.
Als 1799 der Bündner Landſturm gegen die Franzoſen aus⸗
zog und die unberufenen Gäſte aus dem ganzen Vorder⸗Rhein⸗
tal bis gegen Chur hinab gejagt hatte, wurden zu Diſſentis
gefangene Soldaten von den Landſtürmern niedergemacht. Noch
zeigt man die enge Gaſſe.
Des zur Sühne zog Lecourbe wieder herauf und ließ Dorf
und Kloſter in Aſche legen. Dabei iſt auch alles, was die Biblio⸗
thek an alten Handſchriften beſaß, zugrunde gegangen.
Aus den unvernichtbaren Urkunden der Geſchichte — Orts⸗
und Leutenamen — läßt ſich aber noch mancherlei entziffern.
Daß in dieſen hintern Gründen des Rheintals bis in die
Anfänge chriſtlicher Zeit Wildnis und Wüſtenei geweſen, in die
nur der keltiſche Urbewohner jagend oder viehhütend vordrang,
zeugt der Name des Kloſters — Diſertina — Einöde, ſowie die
Namen der talab gelegenen Dörfer Sumvix und Surrhen (sum-
mus vicus und summum Rheni), deren Häuſer einſt die letzten
Vorpoſten der Talbewohner waren, bis der unvergleichlich
ſichere Blick der erſten Diener der Kirche dieſe Wildnis aus⸗
wählte, um von hier aus dem Kreuze und chriſtlicher Kultur
auch die Quellen des Vorder⸗Rheins und die wilden Seiten⸗
täler am Fuß der Cornera und der Medelſer Hörner dienſtbar
zu machen.
Manche Anſiedelung hier ging von den Mönchen zu Diſſen⸗
tis aus, und die Kolonen waren des Kloſters untergebene Leute.
So heißt heutigentages noch der Landammann dieſer Dörfer
im Oberländer Romanſch: Miſtral (Ministerialis). Der Urbe⸗
wohner aber, der ſchon vor der chriſtlichen Einwanderung Ber⸗
gen und Tälern hier den Namen gab, war ſicherlich keltiſchen
Stammes. Wer an dem Aufbau altkeltiſcher Geſchichten, deſſen


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