Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 70
(PDF, 54 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0072
70 Epiſteln und Reiſebilder. I.

fährten ein feines Liedchen im Tavetſcher Romaniſch von einer
„zarten, ſchönen und roſenfarbigen“ Maid (una zarta, bialla
cotschna), bei der ein kecker Burſche zu „Kilt“ gehen will, aber
mit derſelben ſchnöden Antwort abgewieſen wird, wie der deut⸗
ſche Buhle in jenem Volkslied:

„Geh du nur immer hin, wo du geweſen haſt,
Und binde deinen Gaul an einen dürren Aſt.“

— und Wechſelſang tönte neckiſch in die gelehrte Unterhaltung
herüber, als wolle er allen ſprachlichen und geſchichtlichen Stu⸗
dien zum Rückzug blaſen.
Nach feſtem Schlummer, wie er einem, der über die Oberalp
geſtiegen iſt, ziemt, und ohne Traum von Beſtien der Wildnis
oder den Geiſtern der keltiſchen Talbewohner, wurde des andern
Tags eine Umſchau in Kloſter und Kirche gehalten.
Im Kloſter, wo zur Zeit nur zehn Benediktinerpatres ver⸗
ſammelt ſind, waren überall noch die Spuren des Brandes er⸗
ſichtlich, der vor wenig Jahren dasſelbe wiederum heimge⸗
ſucht hatte. In Zellen und Refektorium war emſiges Arbeiten
von Schreinern und Zimmerleuten; auch waren Sachkundige
beſchäftigt, die Zellen mit den eigentümlich alttraditionellen
Ofen zu verſehen, die wohl, außer im Graubündner Oberland,
nirgends vorkommen.
Auf kurzen Steinfüßen werden gewaltige granitähnliche
Platten zu einem länglichen Würfel zuſammengefügt und mit
einer mächtigen Oberplatte gedeckt, ſo daß der Ofen einem an⸗
tiken Sarkophag gleicht, und wenn etwa an den Seitenwänden
noch einige Reliefs von fabelhaften Tiergeſtalten angebracht
wären, wie ſie über Tor und Fenſtern an den Engadiner Häu⸗
ſern ſo grotesk ſich finden, ſo läge dem Antiquarius die Ver⸗
ſuchung nahe, altrhätiſche oder etruskiſche Reminiſzenzen auf⸗
zufriſchen und den Ubergang vom Sarg des Lucumonen in den
Oberländer Ofen der Gegenwart nachzuweiſen.
Die nicht alte Kloſterkirche, vom letzten Brand zwar nicht
verſehrt, hat an Architektur oder Denkmälern nichts Bedeu⸗
tendes.
Grauer Wolkenſchleier hing von allen Bergkuppen ins Tal
herab, als wir, dem jugendlich brauſenden Vorder⸗Rhein ent⸗
lang, den Weg gen Ilanz und Reichenau antraten, und die
guten Freunde vom Abend zuvor, der vielgezackte Sixmadaun


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