Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 71
(PDF, 54 MB)
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Aus den rhätiſchen Alpen. 71

und der hochaufſtrebende Criſpalt im Rücken, ſowie die ferne
Rhätikonkette geruhten unſichtbar zu ſein.
Der Weg bis Trons iſt von wilder Schönheit im einzelnen.
Chaotiſch übereinandergehäufte Felsſtücke erinnern daran, daß
auch die Höhen der Gebirge alt werden, verwittern und tal⸗
abwärts ſtürzen; über maleriſchen Steintrümmern, die oft bis
in den Rhein hereingehen, wächſt die Tanne und das feinſt⸗
geformte Nadelholz, die Lärche; einfache Brückenſtege führen
über die Bergwäſſer, die aus allen Ritzen und Spalten herab
dem jungen Rhein neuen Zuwachs bringen; eine Reihe von
Studien für den Landſchaftsmaler, die er an den gewöhnlichen
Malerplätzen in Tirol und dem bayeriſchen Hochland ſo ge⸗
waltig nicht vorfindet. AUm Fuß des Medelſer Gebirgsſtockes,
auf rechtem Rheinufer, brauſt aus der Schlucht Conflons her⸗
vor ein ſtärkeres Gebirgswaſſer, mit Unrecht als „Mittel⸗
Rhein“ den beiden andern Rheinanfängen gleichgeſtellt. An
deſſen Pfaden zog einſt fränkiſche Heeresmacht unter Pipin ins
Leventinertal und nach Welſchland hinüber.
An vielen Punkten des Weges iſt die Vegetation von maſ⸗
ſigem Steingeröll und Gefelſe überſchüttet; gegen ſolche Erd⸗
und Lawinenſtürze ſchafft ſich der Talbewohner durch Bruſt⸗
wehren und Mauerwerke nur ſpärlichen Schutz und wird ſelbſt
oftmals ein Opfer des Bergfalls.
Über Compadiels, wo im ſpitzbogigen alten Kirchlein man⸗
nigfache Votivtafeln zum Dank für glückliche Errettung aus
Todesgefahr und Lawinen aufgehängt ſind, und über Sumvix
erreichen wir das Dorf Trons.
Links an der Straße vor dem Dorfe ſteht eine Kapelle und
neben ihr ein ehrwürdiger Zeuge alter Tage, ein verwitterter
Ahorn. Mark und inneres Holz ſind längſt verſchwunden, aber
in ungeheurem Umfang wurzeln noch die äußern Rindenwände
des hohlen Baumrieſen in der Erde — Zigeuner haben vormals
hierinnen hinreichenden Platz zum Nachtlager gefunden, jetzt
hat neuere Pietät ihn mit ſchützendem Gitter umzogen. Krone
und Äſte ſind abgeſtorben, aber aus einer Seite iſt ein knorriger
Sproß herausgewachſen und umlaubt mit friſchem Gezweige den
greiſen Stamm.

Daß wir hier am Grütli der Graubündner ſtehen, iſt an der
nahen St. Annakapelle in Wort und Bild zu leſen.


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