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72 Epiſteln und Reiſebilder. I.
Deutſches Lehensweſen hat ſeit karolingiſchen Zeiten auch in
den wilden Tälern des rhätiſchen Oberlandes Wurzel gefaßt.
Als kaiſerliche Grafen und Lehensträger des Biſchofs von Chur
herrſchten neben dem Abt von Diſſentis deutſche Herren von
ihren Burgen aus über das romaniſche Land.
Sämtliche Trümmer der gebrochenen Burgen tragen deutſche
Namen: Saxenſtein, Ninkenberg, Pultlingen uſw. Im Tal des
Vorderrheins aber und auf den Höhen der Gebirge ſaß in klei⸗
nen Dörfern oder abgelegenen Sennhütten das rhätiſch⸗roma⸗
niſche Landvolk. Schwerer Druck der Herrſchaft drang zu den
wenigſten durch.
Seit gotiſchen oder fränkiſchen Tagen waren hier ein ein⸗
faches Gemeinweſen und Verbindungen einzelner Gemeinden
emporgewachſen. Jedes Dorf ſchuf ſich ſeine Satzung ſelbſt, die
der Dorfmeiſter vollzog; einzelne Ortſchaften, durch den kirch⸗
lichen Verband zur Pfarrgemeinde geeinigt, ſetzten ſich einen
Ammann, der mit Geſchworenen die kleinen Händel ſchlichtete;
zum Austrag größerer Streitigkeiten, Aburteilung der Ver⸗
brechen und Beförderung allgemeinen Friedens einigten ſich
mehrere Gemeinden zu einem Hochgericht — eine Föderation,
die kein Reſultat künſtlich abſtrakten Syſtems, ſondern unmittel⸗
bar aus dem Weſen und den Bedürfniſſen ſolchen Gebirgslebens
herausgewachſen war.
„Zur Zeit, als jenſeits der Bündner Alpen in Schwyz, Uri und
Unterwalden die Landvögte grauſam herrſchten, lieferten auch
die Herren in Rhätien Muſterſtücke von Plackung des Land⸗
manns. Ob etwa germaniſche Melancholie gegenüber den Wild⸗
niſſen der Bergſchluchten und einem in anderer Zunge redenden
Landvolk, genährt vom fremd duftenden welſchen Wein, den
deutſchen Herren Spleen und abnorme Gelüſte verurſachte —
das hat leider noch kein Romantiker zur Ehrenrettung derſelben
dargetan.
Der Kaſtellan der Bärenburg bei Andeer, der des Mittags
ſeinen Bauern in die Suppe ſpuckte, der Landvogt von Guarda⸗
vall im Engadein, der die Tochter Adams von Camogask ent⸗
ehren wollte, Donat von Satz und andere Biedermänner aus
den Bündner Alpen finden hoffentlich ebenſogut noch ihren
Dichter, welcher ihr „ungeeignetes Benehmen“ in einem unge⸗
heuren Seelenſchmerz derſelben mit gleichem Pathos tragiſch
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