Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 76
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76 Epiſteln und Reiſebilder. I.

keltiſchen Hausknechts und Fuhrmanns; ſicher und entſchieden
betrat er den Vorderſitz des Wagens. „Alto! alto! hé bougre!“
rief er ſeinem Klepper lieblich ſchimpfend zu, und im beruhigen⸗
den Gefühl, daß auch König Rhätus mit ſeinen Etruskern wei⸗
land nicht ſtolzer über den Maloja ins Engadein eingefahren,
begannen wir die Fahrt. Kein Zwiſchenfall konnte den Alten
außer Faſſung bringen, höchſtens machte er in den Lauten des
Oberländer Romanſch, der „Schalauer“ Sprache, wie ſie in
andern romaniſchen Tälern ſpottweis genannt wird, ſeinen
Gefühlen Luft. „Schliatt' aura, Schliatt' aura“ (ſchlecht Wet⸗
ter), ſprach er kopfſchüttelnd, wenn Regengüſſe der Dachtraufe
des Hutes entſtrömten; und wenn der Gaul ſtillzuſtehen drohte,
brummte er etwas von einem „liderlich cavaigl“ — „liderlich
Kerli“, woraus wir mit Befriedigung entnahmen, daß die
Fülle der Schimpfwörter im Romanſch auch der deutſchen
Sprache weſentliche Bereicherungen verdankt. Soll ich weiter
erzählen von der holprigen Fahrt über Stock und Stein und
von jener eingentümlichen Stimmung, die ſich bei völliger
Durchnäſſung und halbzerbrochenen Knien ſo harmoniſch aus⸗
bildet? Infandum regina jubes. An Tavanaſa, an der auf
der Höhe des Berges ſtehenden, mitten im Romaniſchen deutſch⸗
redenden Gemeinde Waltersberg, an der Mündung des ſchauer⸗
lichen Panixerpaſſes, auf dem einſt Suwarow ſeine Ruſſen das
Bergſteigen lehrte, vorüber führte der Pfad in die „erſte Stadt
am Rhein“, nach Ilanz, allwo der Wirt zum Kreuz mit dem
vollen Selbſtgefühl eines Poſthalters auf unſer Fuhrwerk her⸗
abſchaute.
Warmer Valtelliner und eine rieſige Lachsforelle im dor⸗
tigen Gaſthof verſöhnten mit den Mühen der Fahrt, und mit
geſchichtlicher Hochachtung wurde auf das Wohl unſers Fuhr⸗
manns ein Glas geleert. Wenn die Welt draußen ſchon mit
Eiſenbahnen vollſtändig umſponnen iſt, dann kommt vielleicht
die Zeit, wo von Ilanz nach Trons und der Oberalp hin eine
Poſtſtraße angelegt wird, und Wanderer nach uns ſchauen dort
den letzten Poſtillon mit denſelben Gefühlen an, wie wir den
alten Antony. Wenn aber auch die Eiſenbahnen anderwärts
ſchon zu den Altertümern gerechnet werden und in Luftballonen
ein neues Reiſen im Gange iſt, dann dringt vielleicht auch der
Schienenweg noch bis in die letzten Winkel des Rheintales, und
der Urenkel Joſeph Antonys ruft der Lokomotive etwa als


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