Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 80
(PDF, 54 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0082
80 Epiſteln und Reiſebilder. I.

Kurz ehe man nach Lenz hinabſteigt, erſchließt ſich eine weite
Umſchau ins Oberhalbſteiner Tal hinab. Links ragen die ſchnee⸗
igen Häupter der Tiefenkaſtener Alpe empor und die Kette des
Piz Err, der ſich bis an den Julierpaß und nach dem QZuell
von St. Moriz im Engadein hin erſtreckt; rechts der hohe Sun⸗
tail, Grenzſcheide zwiſchen Oberhalbſteiner und dem von der
Via mala durchſchnittenen Schamſer Tal; warme volle Abend⸗
beleuchtung lag auf den Spitzen der Gebirge und ſchnitt die
ſchneeweißen Umriſſe klar aus der Himmelsbläue heraus; von
der Mitte der Berge an, in die Tiefe des Oberhalbſteiner Tales
herab, zog ſich ein herbſtlicher, durchſichtig dunkler Duft.
Unten im Oberhalbſteiner Tal, das ſo ziemlich der Mittel⸗
punkt aller rhätiſchen Täler iſt, ſteigt zwiſchen grünen Wieſen
und Höhen der Kirchturm von Vazerol auf. Hieher zogen im
Jahre 1741 die Boten der Gemeinden und Hochgerichte aller
drei Bünde, hier wurde der Verein deren von der Lia Cadé
(Gotteshausbund), der Lia Grischa (graue Bund) und der Lia
dellas deschdretturas (Zehngerichtebund) beredet und im Va⸗
zerolſchen Bundesbrief die drei Föderationen eng und feſt zu⸗
ſammengefügt und ſolche Einigung mit Handſchlag und Schwur
für alle Zeiten beſtätigt.
Hiemit war das Föderativſyſtem, das in Graubünden wie
nirgends ſeine organiſche Entwicklung gefunden hat, zu ſeiner
letzten Spitze aufgebaut, und die ſpäteren Kriege und die Schlacht
in der Malſer Heide, wo 20 000 Graubündner das feſte Lager
der Tiroler ſtürmten und die Landsknechte Kaiſer Maximilians
dauernd von ihren Grenzen abtrieben, zeigte, welche Kraft
ſotaner Union in ihren Anfangszeiten innewohnte.
Wir marſchierten auf dem von Lenz ſeitab führenden Pfade,
dem Davoſer Landwaſſer entlang, am Fels, der die Trümmer
von Belfort trägt, vorüber, in der Abendſtille nach Dorf Alve⸗
neu. Der Ortsname „Alba nova“ erinnert, daß wir ſchon in
den Regionen angelangt ſind, wo etruskiſche Einwanderer, einſt
aus Furcht vor dem Gallier oder Hannibals Scharen in die
Alpenwildnis geflohen, ſich eine zweite Heimat gründeten.
Zu ſolchen Erinnerungen gehören auch, außer dem, was En⸗
gadein, das klaſſiſche Etruskertal, bietet, im nicht fernen Scha⸗
rans das alte Rhätusbild, das die Linde umarmt, und die Na⸗
men mancher Familien, z. B. die an der Scheide des Julier und
Septimer in Stalla hauſenden Catilinas.


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