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Aus den rhätiſchen Alpen. 81
Unten im Tal der Albula glänzten die Lichter des Bades
Alveneu, deſſen Räume für heute Labung und Herberge ge⸗
währten.
Alveneun gehört, ſowie Fideris im Prättigau und der Sauer⸗
brunn von St. Moriz im Engadein, zu den bedeutendſten Bädern
Graubündens; aus reichhaltiger Schwefelquelle, in der weißliche
Schwefelanſätze wie Polypen ihre Arme zitternd ausſtrecken,
wird das Waſſer zum Baden und Trinken geſchöpft. Draußen
„im Reich“ ſcheint dies Bad, das freilich auf ſeiner Bergein⸗
ſamkeit auch manchem Schweizerreiſenden unentdeckt bleibt,
noch nicht bekannt zu ſein; die Liſte der Badgäſte weiſt nur En⸗
gadeiner und Kranke aus den benachbarten Tälern auf. Mangel
chemiſcher Kenntniſſe verhindert uns, durch Analyſe der Quelle
den Leidenden einen Fingerzeig nach Alvenen zu geben, und
das, was in der „Beſchreibung der berühmten Bäder in der
Schweiz“ unter den günſtigen Zeichen der Alveneuer Geſund⸗
brunnenkur angeführt iſt, nämlich außer „allgemeinem Wohlbe⸗
hagen“ und andern Symptomen auch „ſtarker Badausſchlag“,
„Hffnung verborgener Schäden, Wiedererſcheinen vertriebener
Huſten, Schmerz einzelner Teile,“ klingt für den Laien etwas
ſtark uneinladend.
Den Komfort anderer Bäder ſucht man in Alveneu verge⸗
bens; es erglänzt kein Konverſationsſaal im tauſendfach ſtrah⸗
lenden Licht der Gaskandelaber, es klingt keine Roulette und
kein „le jeu est fait, rien ne va plus!“ — kleine Zellen geben
dem Badegaſt notdürftigen Raum, und die einfache Tafel,
wozu übrigens die Albula gediegene Forellen liefert, ſchafft hin⸗
länglichen Lebensunterhalt. Erſatz für andern Defekt gewährt
aber die würzige Alpenluft und dem, der die Augen dafür offen
hat, der Blick in die nahe Gebirgswelt, wo das Rothorn und der
rſaſtock Züga und Silberberg, Tinzenhorn und Surawa auf⸗
teigen.
Dem Wildbach Albula entlang, am romaniſchen Filiſur vor⸗
über, waren wir bald an den Bergwerken von Bella Luna.
Schacht und Schmelzhäuſer aber ſtehen verlaſſen; das Glückauf
der Bergknappen iſt verſtummt, und nur wenige Erzſtufen vor
den Fenſtern eines Hüttenverwalters mahnen an den dereinſti⸗
gen Silberbau. Jetzt, nachdem der ſchleſiſche Graf Renard ver⸗
geblich und mit großen Opfern das Werk wiederzubeleben ver⸗
ſucht hatte, wird nur noch ſpärliches Eiſen gewonnen.
Scheffel. VII. 6
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