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8² Epiſteln und Reiſebilder. I.
Enger und wilder rücken die Felswände auf beiden Seiten
der Albula zuſammen, die gewaltige Felsſchlucht, der Bergüner⸗
ſtein — an die St. Gotthardsſtraße bei der Teufelsbrücke er⸗
innernd — beginnt. Ein kecker Weg, ſeit Jahren durch den
Felſen gebrochen, führt durch dieſe Klamm, ſenkrecht fallen die
Felswände ab und 600 Fuß tiefer brauſt die Albula.
In dieſer Ode war ein paſſender Ort, abermals Herrn Do⸗
nati von Vatz zu gedenken, der mit Hülfe der Waldſtätte hier
dereinſt die Streitmacht des Stifts von Chur und derer von
Montfort aufs Haupt ſchlug und die Überwundenen in Schlucht
und Tiefe der Albula verſprengte, ſo daß, wie der treffliche
Chroniſt Guler von Wynegg erzählt, noch zu ſeiner Zeit Streit⸗
kolben, Morgenſterne, Sturmhauben und Spieße allda ausge⸗
graben wurden.
Jenſeits des Bergüner Steins wird's lichter. Ein grüner
Hügel ſteigt inmitten des Tales auf mit zwei Steinſäulen, die
aber, wie vielleicht auch die zwei Säulen am Julier, weder rö⸗
miſche Meilenzeiger noch dem Sonnengott Jul geweihte keltiſche
Steindenkmale ſind, ſondern einfach das Attribut des Hochge⸗
richts von Bergün, der Galgen. Und wie ſchön erglänzen hüben
und drüben die Schneeſpitzen im Sonnenſchein! Zu dieſer Land⸗
ſchaft als Staffage gehört notwendig ein Zug des peinlichen
Hals⸗ und Malefizgerichts, der unter Glockenläuten vom Ber⸗
güner Turm einen armen Sünder, etwa ein Zigeunerlein, ſo
den roten Hahn aufgeſteckt, oder einen verſprengten biedern
Landsknecht aus dem Schwabenkrieg, der nach alter Gewohnheit
marodiert und die Sprache der Täler mit den ſchönen Worten
„mordriar“ und „plündriar“ bereichert hatte, zum letzten Gang
hinausführt. 's muß manchem, der unterwegs zum blauen
Himmel hinaufdachte: „Wie biſt du doch ſo ſchön, du weite,
weite Welt!“ das Sterben am Bergüner Galgen gar bitterſüß
geweſen ſein.
Solcherlei leichtfertige Gedanken hörten im düſtern Wirts⸗
haus zu Bergün gänzlich auf. In der getäfelten Stube ſaßen
zwei alte Frauen, die Großmutter des Hauſes und ihre Schwe⸗
ſter, ſchwarz angetan, die wir beim Eintritt aus ihrer Andacht
aufſtörten. Auf dem Schrank oben ſtanden, wie in den meiſten
Engadeiner Häuſern, die ſchwer eingebundenen Folianten der
Bibelüberſetzung in die Sprache des Tales, ſowie die ganze kirch⸗
liche Literatur von Gebetbüchern, geiſtlichen Geſängen und
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