Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 83
(PDF, 54 MB)
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Aus den rhätiſchen Alpen. 83

Pſalmen, wie ſie von glaubenseifrigen Paſtoren des Unter⸗
Engadein im 16. und 17. Jahrhundert geſchaffen worden war.
Die zwei alten Sibyllen hatten ſich ein deutſches Erbauungs⸗
buch, Sammlung altproteſtantiſcher Kirchenlieder von weiland
Pfarrherrn Schmidli zu Wezikon herabgenommen und, des
nahen Todes gedenkend, ein zum Abſterben vorbereitendes Lied,
geleſen, das da anfängt:

Kommt, Kinder, laßt uns gehen,
Der Abend kommt herbei;
Es iſt gefährlich ſtehen
In dieſer Wüſtenei.
Kommt, ſtärket euren Mut,
Zur Ewigkeit zu wandern,
Von einer Kraft zur andern,
So iſt das Ende gut.

Dies ſeien, wie die Großmutter ſelbſt ſagte, ſeit Jahren ihre
Lieblingsgedanken; was ſie jetzt noch lebe, ſei nur Vorbereitung
zum Tode!
Das ganze Gebaren der zwei Frauen hatte etwas unmittelbar
Imponierendes: einfach, ſtarr, ſtreng ſaßen ſie unter ihren ro⸗
maniſchen Bibeln und Erbauungsbüchern; hier war noch ein
Stück althugenottiſches Weſen, und unwillkürlich gemahnten die
beiden Alten mit ihren ſcharf ausgeſchnittenen Geſichtszügen
und ihren ſchwarzen Gewändern an jene Zeiten, wo die Beken⸗
ner Calvins, trotz Druck und Verfolgung, in den Höhlen der
Cevennen nächtlich den Predigern der neuen Lehre lauſchten
und dem Martyrium freudig entgegenſahen.
In dieſen Tälern lebt unverfälſchter, echter Proteſtantismus.
Seit 1525, wo im rauhen Tal Sankt Antonien im Prättigau
zuerſt die Meſſe abgeſchafft worden, waren die Schüler Calvins
im Ober⸗ und Unter⸗Engadein und ſelbſt im Gotteshausbund
unermüdlich in Verbreitung der neuen Lehre tätig geweſen, und
nach harten Disputationen, die oft ein Ende nahmen wie wei⸗
land die Räuberſynode, entſchied ſich das Landvolk ringsum
für den Glauben der Reformatoren und hielt ihn dann mit der
eigenen Zähigkeit des Gebirgsbewohners in Kampf und Not
ſpäterer Tage feſt.
Die Verſchwörung des Abtes Schlegel von St. Luzien und
des Biſchofs von Chur mit den Medizeern zur Ausrottung der
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