Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 84
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84 Epiſteln und Reiſebilder. I.

evangeliſchen Lehre koſtete erſterem das Leben durch Scharf⸗
richters Hand; aber auch die Wiederholung Pariſiſcher Blut⸗
hochzeit, die ums Jahr 1620 von Meiland aus im Valltellin,
Puſchiav und bis ins Engadein heraus organiſiert wurde, brachte
die reformierten Bündner nicht zum alten Glauben zurück; und
ſo ſind ſie jetzt der einzige Teil romaniſcher Stämme, der vom
Beginn der Reformation an ihr hartnäckig zugetan blieb.
Wer an einem Sonntag durch eines dieſer Täler wandert,
der erſtaunt, wie ſtarr puritaniſch die Sonntagsfeier beobachtet
wird. Da ſind keine Gruppen auf den Straßen, kein Fuhrwerk
darf des Wegs fahren, außer es brächte fern gelegene Talbe⸗
wohner zur Kirche, und der Fremde hat Mühe, an ſolchem Tag
Roß und Wagen zu erhalten, und wenn die Glocke zur ſchmuck⸗
loſen Kirche ruft, verſammelt ſich die ganze Gemeinde, die
Frauen meiſt im ſchwarzen Sonntagsgewand. Wir ſelbſt erin⸗
nern uns gern noch des einfach friedlichen Eindruckes, den der
Sonntagsgottesdienſt einſt im Kirchlein zu Samaden im Enga⸗
dein auf uns machte.
Getrennt ſaßen Männer und Frauen; erſt wurde eine jener
feierlich ſtrengen Weiſen des altproteſtantiſchen Kirchenlieds ge⸗
ſungen, während der die Männer noch das Haupt bedeckt hielten,
dann erſchien der Geiſtliche im ſchwarzen Talar auf der Kanzel,
und nach den üblichen Gebeten predigte er über den Pſalmvers
„Saigniur Diu, ti ess nos rifuggi saimpre e saimpre“ (Herr
Gott, du biſt unſere Zuflucht immer und allezeit), und beim
klangvollen, langſamen Predigtton war der Inhalt ſeiner Worte
auch dem ins Romaniſch nicht tief Eingeweihten verſtändlich —
ein einfaches Lob des Herrn Himmels und der Erde, der das
Menſchenkind durch alle Fährlichkeiten des Lebens und aus dem
„torrent della temporalité“ dem „wilden Sturzbach der Zeit⸗
lichkeit“ zum guten Ausgang leitet. Ein Choral ſchloß die
Feier ab, und mit der Gemeinde verließ auch der fremde Be⸗
ſucher erbaut das Gotteshaus.
Hier iſt das proteſtantiſche Weſen nicht Formalismus, ſon⸗
dern in Fleiſch und Blut eingewachſen; Geſchichtsforſcher mö⸗
gen dieſe Erſcheinung bei romaniſchen Sproſſen tiefer ergrün⸗
den, als ſeither geſchehen, wo ſie von Unberufenen auf „das
kalte und unwirtbare Klima der Gegend zurückgeführt wurde.“
In langen Winterabenden, wo aus den ſchweren, mit ver⸗
ſilbertem Schloß verſehenen Bänden Pſalmen und geiſtlicher


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