Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 85
(PDF, 54 MB)
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Aus den rhätiſchen Alpen. 85

Zuſpruch in der Landesſprache geleſen werden, da wird auch
noch von den alten Zeiten erzählt, wo die Ahnen mit ihrem
Blut die neue Lehre feſteten, und in mehr als einer alten Bibel
findet ſich als Anhang ein vergilbtes geſchriebenes Blatt, „die
Liſte der im Julius und Auguſt 1620 im Valtellin ermordeten
Proteſtanten“ — ein kahles Namensverzeichnis von mehreren
Hunderten, aber ſprechender als alle Gloſſen.
Die hugenottiſche Großmutter in Bergün geſtattete freund⸗
lich die Durchmuſterung ihrer Bibliothek, die ſo ziemlich die
ganze Literatur der romaniſchen Sprache umfaßte; denn außer
den Bibelüberſetzungen und Gebetbüchern, einigen Kalendern
und heutigentags natürlich der unvermeidlichen Zeitung iſt
wenig gedruckt.
Hier in Bergün wird ſchon Engadeiner Sprache geſprochen;
außer der Bibel in der „lingua rumanscha d'Engadina bassa“
war aber auch eine im Oberländer Idiom, im „languaig ru-
monsch de la ligia Grischa“, gedruckt zu Chur 1718, vorhan⸗
en ſe⸗ zu Nutz und Erbauung der Oberländer Dienſtboten des
auſes.
Wie groß der Unterſchied zwiſchen beiden Idionen iſt, dafür
mag als Probe die Überſetzung des Anfangs vom erſten Buch
Moſes dienen. In der Oberländer Sprache beginnt die Ge⸗
neſis folgendermaßen:
Vers 1) Enten l'antschetta ha Deus scaffien ilg Tschiel
a la Terra.
Vers 2) Mo la terra fora senza furma a vida, ad ei fora
scür sin la bassezia. Ad ilg spirt da Deus schaschera sin
l'aura.
Vers 3) Lura schet Deus: „Ei daventig lgisch!“ (Es werde
Licht!) ad ei fò Igisch.
Im Engadeiner Ladin aber heißt es alſo:
Vers 1) In il principi creet Deis il Tschel è& la terra.
Vers 2) Ma la terra eira üna chiaussa sainza fuorma e
vocda. E scurezas eiran sur la fatscha dal abiss, e il spirt
da Deis s' muveiva sur la fatscha dallas aquas.
Vers 3) E Deis diss: „Saia la lgüm!“ e la lgüm fuo uſw.
Daß das Unter⸗Engadeiner entſchiedener und mit andern
romaniſchen Sprachzweigen verwandter klingt als das mit ger⸗
maniſchen Anſätzen ziemlich ſtark legierte Oberländer Idiom,
das z. B. ſtatt des echten creare für erſchaffen „scaffir“ ſagt,


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