Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 87
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Aus den rhätiſchen Alpen. 87

ſteigende, gewaltig zerklüftete Hörner auf, die Spitzen des Al⸗
bulaberges; an deren Fuß und zwiſchen den gegenüber anſtei⸗
genden kahlen Felswänden durchwindet ſich der Albulapaß
bis zur Höhe von 7238 Fuß überm Meer, wo eine unförmliche
Steinhütte Schutz vor Lawinen und Steinſturz gewährt. Die
letzte Spur von Vegetation hat hier aufgehört, der Moorboden
iſt von einem Chaos von Felsgeröll, gewaltigen Granit⸗ und
Kalkſteintrümmern wie überſäet; mit Recht iſt die Schlucht
hier das Teufelstal geheißen, und der Touriſt Schultze, von dem
in manchen Fremdenbüchern an der Gotthardsſtraße der geiſt⸗
reiche Spruch eingetragen ſteht: „Es muß alles verruiniert
ſein,“ könnte dies mit gutem Fug hier in eine Felsplatte ein⸗
graben. G
Unheimlich graue Schneewolken hielten den Himmel um⸗
ſchleiert, Maſſen friſchgefallenen Schnees lagen ſeitwärts der
Straße, die ganze Gegend erſchien als entſchieden ſcheußlich,
und wenn Hexen oder Lemuren aus einem Felsſpalt aufge⸗
ſtiegen wären, ſo hätte man ſie als die für ſolche Wildnis ge⸗
eignetſten Perſönlichkeiten begrüßen müſſen. Die verwitterten
Bergſtöcke ringsum hatten alle Farbe verloren, die fernen
ſchneebedeckten Spitzen, die aus dem Engadein heraufwinkten,
und die des Piz Err rückwärts erſchienen nicht mehr im dufti⸗
gen Violett der Abendbeleuchtung — in ſchwarzem Dunkel ho⸗
ben ſich ihre Felſen von den Schneefeldern ab, und zwiſchen
Schwarz und Weiß war Grau die einzige Vermittlung; mit
der Vegetation iſt auch die bunte Welt der Farben erſtorben,
und der ſolcher Eindrücke nicht gewohnte Wanderer ſchaut mit
dem unheimlichen Gefühl in dieſe kahle Ode hinaus, wie wenn
totale Sonnenfinſternis ihren fahlaſchgrauen Schein über die
Gegend breitete.
In ſolcher Lieblichkeit, der wir als entſchiedenen Proteſt von
Zeit zu Zeit einen kräftigen Schluck aus der Feldflaſche ent⸗
gegenſetzten, ſtreckt ſich der Albula noch ein geraumes Stück
talabwärts, bis wieder ſpärliche Lärchenbäume die Höhen um⸗
ſäumen. Dann aber geht's in raſchem Bergabſteigen dem ge⸗
lobten Land Engadein zu, und mit Befriedigung ſahen wir die
weiße Linie des Inn, der vom Silſer See her landab ſtrömt,
das Tal durchziehen und die freundlich weißen Steinhäuſer
von Madulein und Ponte aufſteigen.
Im ſtattlichen Wirtshaus zu Ponte neben der Innbrücke


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