Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 88
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88 Epiſteln und Reiſebilder. I.

wurde das Lager aufgeſchlagen; ein fremder Gaſt aus Neu⸗
chätel wußte unſerem Lob des Albulapaſſes ein gleiches des
Julier und Septimer, die er überſtiegen hatte, anzureihen.
Aus den romaniſchen Lauten aber, in denen ſich die in der
Wirtsſtube zechenden Oberengadeiner unterhielten, klang wie ein
Gruß aus der Heimat das träumeriſche Lied:

Wenn ich am Fenſter ſteh
Und in die Nacht hin ſeh,
So muß ich immer, immer weinen,

mit welchem die Wirtin ihr Kind in der Wiege in Schlummer
ſang. Sei gegrüßt, altes Etruskertal, rätſelvolles Engadein!
Wer im Ober⸗Engadein recht heimiſch werden will, dem raten
wir, ſein Hauptquartier in der Krone zu Samaden aufzu⸗
ſchlagen. Stattlich ragte dies alte, ehemals von Salisſche Her⸗
renhaus mit ſeinen ſauber geweißten Steinmauern und tiefen
eiſenverkremſten Fenſtern am Eingang des großen Dorfes her⸗
vor, und im wohlerhaltenen altertümlichen Gaſtzimmer weht
noch ein ſpezifiſch engadeiniſcher Geiſt den Fremden an. Seit
den Tagen des Herrn von Salis, der vor juſt 200 Jahren ſich
allhier einrichtete, iſt nichts verändert. Die ſchweren eiſernen
Beſchläge an der Tür, das unförmliche, aber in vielfachen Ver⸗
ſchränkungen kunſtreich vom lombardiſchen Meiſter gefügte Tür⸗
ſchloß, die von ſchwarzboraunem Nußbaumholz getäfelten Wän⸗
de, die mit kunſtreichem Schnitzwerk verzierte Decke des Ge⸗
machs, an der unter doppelter Helmzier die Salisſche Weide
und ein gekreuzter Pfeil als Wappen des Hausherrn und
ſeines Ehegemahls noch wohl erhalten ſind; der ſchwere ſäulen⸗
und arabeskenreiche Wandſchrank, in welchem die alten Bibel⸗
folianten und engadeiniſchen Pſalmen und Gebetbücher als her⸗
kömmliche Hausbibliothek nicht fehlen dürfen: alles gemahnt
hier, daß in die ſtillen Alpentäler wechſelnder Drang leicht⸗
fertiger Mode nicht eingedrungen iſt, und daß, was die Vor⸗
väter ſolid geſchaffen, auch den Enkeln noch genügt; und über
dem gebräunten wappengezierten Ehebett flüſtert's wie von
alter engadeiniſcher Liebe aus den Tagen, da der „Großvater
die Großmutter nahm“. In dieſem ehrwürdigen Gelaß ſollte
ſich einmal ein ſinniges germaniſches Gemüt einniſten, ſich
mit Gemsbraten und Murmeltier redlich ernähren, aus altem
Pokal den Valtelliner ſchlürfen und aus den vergilbten Codices


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