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90 Epiſteln und Reiſebilder. J.
Tannen⸗ und Lärchenwäldern, die das rechts von der Bernina⸗
ſtraße einbiegende Tal von Roſegg umſchließen, einzelne blen⸗
dend weiße Kuppen und Spitzen geiſterhaft herausgeblickt; vor
Ponte reſina aber treten die Säume der Wälder zurück, und
vor uns liegt in unverhüllter Majeſtät das Schnee⸗ und Eis⸗
feld des Roſeggiogletſchers, deſſen letzte Ablagerungen bis tief
ins Tal herunter ihre grauen Arme herabſtrecken, während
im grellen Silberglanz die ſonnbeſchienenen Höhen das Auge
blenden. Dieſes gewaltige Eismeer, deſſen erſtarrte Ströme
ſich im Rücken der Bergſtämme, die das Roſeggtal vom eigent⸗
lichen Berninaſtock trennen, mit den Maſſen des faſt unmittel⸗
bar von der Straße bis zu 13872 Fuß hohen Spitze anſtei⸗
genden Berninagletſchers vereinen und einen 16 Stunden wei⸗
ten Raum mit ihrer Wildnis erfüllen, war das Ziel der heu⸗—
tigen Fahrt.
Vor deren Beginn aber wird billig im Adler zu Ponte reſina
Raſt gemacht, um Mundvorrat und Führer mitzunehmen.
Aus dem dortigen Fremdenbuch iſt zu erſchauen, wie ſelten
den Wundern dieſer Täler und Höhen vom Reiſenden die ge⸗
bührende Aufmerkſamkeit geſchenkt wird. Hie und da zeigt ſich
ein verſprengter Touriſt — oder der unermüdliche Zugvogel
durch Gebirg und Ebene, der Heidelberger Student; der Eng⸗
länder erſcheint ſehr ſpärlich; auch daß ein germaniſcher Kä⸗
fer⸗ und Pflanzenſammler hieher vorgedrungen, um das
„leiziton areticum“ zwiſchen Eis und Gefelſe wegzubotani⸗
ſieren, melden die Blätter. L
Zwiſchen hinein aber klingt's mit wildem Trompetenton und
Trommelſchlag evviva l'Italia libera! morte al traditor
Carlo Alberto! morte ai barbari Tedeschi! und ſeitenlange
Deklamationen in Proſa und Verſen melden, daß im Auguſt
1848 ein Heereszug von Crociati und lombardiſchen Berſag—
lieri, weniger angezogen vom Duft der Gletſcherwelt, als ab⸗
gezogen durch die Kunde von Mailands Wiedereroberung, für
gut fand, dem Vaterland und den Barbaren den Rücken zu
kehren und im ſtillen Tal von Ponte reſina die letzten Salven
— ins Fremdenbuch abzufeuern. Selbigesmal kamen von den
Höhen des Splügen und des Stilfſer Jochs herab, auf der
Berninaſtraße und dem unwegſamen Gebirgspfad, der über
den Buffalora nach Zernetz führt, über 8000 Italiener ins
Engadein herabgeſtiegen, und zwar — wie böſe Zungen ver⸗
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