Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 91
(PDF, 54 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0093
Aus den rhätiſchen Alpen. 91

melden — noch bevor ihnen ein öſterreichiſcher Soldat auf den
Ferſen war.
Dem mag nun alſo ſein oder nicht; einem ſchlichten Sinn
will's aber nicht einleuchten, warum nach glücklich vollbrach⸗
tem Rückzug noch ſo viel Heldenmut und Berſerkerwut im
Fremdenbuch entwickelt, und warum hinter der Schußlinie noch
ein dulce et decorum pro patria mori! ſo laut in die Alpen⸗
ruhe hinauspoſaunt wird. Es iſt übrigens noch in viel andern
Schweizer Fremdenbüchern unendlich viel Tinte verſchrieben,
um die Scharten von Cuſtozza und Somma Campagna wieder
auszuwetzen — uneingedenk, daß unter ſotanen Umſtänden
Reden nur Silber, Schweigen Gold iſt.
Als Führer zum Gletſcher ſtellte ſich Jan Colani von Ponte
reſina ein, der Sohn des großen Nimrod Jan Marchiett
Colani, der 1837 das Zeitliche ſegnete, nachdem er von ſeinem
20. bis 65. Jahr, benebſt mehreren Bären, Steinböcken und
Hirſchen, mehr als zweitauſend Gemſen das Lebenslicht aus⸗
geblaſen hatte. Jan Marchiett, dem Alten, hat die deutſche
Literatur das Schlimmſte angetan, was einem Graubündner
ſeit Sebaſtian Münſters Cosmographey paſſieren kann — er
kam noch bei Lebzeiten gedruckt in deutſche Blätter. War ſo
im Jahr 1830 ein deutſcher Reiſender in die Engadeiner Berge
gefahren, der ihm lange zuſetzte, bis er ihn mit auf die Gems⸗
jagd nahm, allwo er aber mit vornehmem Jägerhumor den
fremden Sonntagsjäger alſo poſtierte, daß er nicht zum Schuß
kam, während Jan Marchiett, der Alte, ihm die Gemſen vor
der Naſe wegbirſchte. Zum Dank hiefür hat ihn dann jener
unberufene Gemſentöter im Morgenblatt verewigt*) und wahr⸗
ſcheinlich im Glauben, daß in dieſen Bergſchluchten die Geſetze
hiſtoriſcher Treue zugunſten des Mythus unbeſchadet verletzt
werden dürfen, dem alten Jan Marchiett ein ſo romantiſches
Relief gegeben, daß er nach den Begriffen des gewöhnlichen
Lebens, die im Engadein noch ſenſibler ſind als anderwärts,
als eine zwar ſehr intereſſante, aber auch ſehr zuchthausreife
Perſönlichkeit abkonterfeit war. Da wurde erzählt, wie er be⸗
reits einen Tiroler erſchoſſen und deſſen Jagdwaffen als Trophäe
zu Haus aufgehängt habe; wie er in Bigamie lebte, ihm jedoch

*) Siehe Morgenblatt für 1830, Nr. 168: „Die Gemſenjagd in den
Schweizeralpen“.


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