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92 Epiſteln und Reiſebilder. I.
der Verſuch, beide Frauen bei ſich unter einem Dach zu haben,
weniger als dem frommen Grafen von Gleichen geglückt ſei;
wie er, ein zweiter Freiſchütz, ſich dem Teufel verſchrieben
n überhaupt noch erkleckliche Schandtaten begangen haben
olle.
Nach Jahr und Tag drang die Kunde von jenem Artikel ins
Tal von Ponte reſina und erregte gewaltigen Rumor. Be⸗
kannt iſt, wie eines Tages bei der Redaktion in Stuttgart
ein Brieflein mit dem unbekannten Poſtſtempel Samaden ein⸗
traf, worin Vater Colani gegen jeden romantiſchen Nimbus
entſchieden proteſtierte und die Touriſtenſchilderung, wofern
ſie nicht bewieſen würde, für „leichtfertige Verläſterung“ er⸗
klärte. Auch am Fuß des Bernina wirkte das unſelige Schrift⸗
ſtück nachzitternd fort und erzeugte noch einen Verleumdungs⸗
prozeß zwiſchen Colani und dem andern Wirt auf dem Ber⸗
nina, der ſelbige Gerüchte dem literariſchen deutſchen Gems⸗
jäger aus Brotneid aufgebunden haben ſoll; nach mannigfachem
Zeugenverhör wurde der Beklagte vom Dorfgericht Samaden
ſchuldig geſprochen und hatte mehr als dreihundert Franken
Koſten zu bezahlen.
Colani, der Alte, wurde aber nimmer und nimmermehr ganz
beruhigt, und es ſteht zu vermuten, daß ſein letzter Gedanke
beim Sterben ein ſtiller Fluch auf die Erfindung der Buch⸗
druckerkunſt und der Stuttgarter Blätter insbeſondere war,
weshalb wir ſämtlichen Korreſpondenten in betreff engadeini⸗
ſcher Jäger und Jagdſtücke größere Genauigkeit dringend an⸗
empfehlen.
Unſer Führer — der, wie ſeine Schweſter, von Jugend auf
den Vater auf die Jagdzüge begleitet hatte — war eifrig be⸗
müht, Wahrheit und Dichtung vom Ruf des Verſtorbenen aus⸗
zuſcheiden, ſprach ſehr deſpektierlich von jenem Schriftſteller
und ließ allerlei Andeutungen fallen, daß er demſelbigen, falls
er wiederum in Ponte reſina Gemſen jagen wolle, einen ganz
eigentümlichen Empfang bereiten werde. Im übrigen erwies
er ſich als einen trefflichen, mit allen Fährlichkeiten der Berg⸗
fahrt vertrauten Führer, der auch mit ſcharfem Weidmanns⸗
blick in das Treiben und Schaffen der Gebirgsnatur hinein⸗
ſchaut und an den Gletſchern, deren Vorrücken, Schwinden und
mannigfachen Umgeſtaltungen viele ſelbſtändige Beobachtun⸗
gen gemacht hat, die etwa von einem Sachverſtändigen zu Nutz
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