Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 94
(PDF, 54 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0096
94 Epiſteln und Reiſebilder. I.

nein, romanſch würde der Berg „piz da mezz“ heißen, das
ſei aber nicht gebräuchlich, man heiße ihn eben Agaglocks,
ohne zu wiſſen warum.
Da aber, wie aus Mones keltiſchem Wörterbuch zu erſehen,
clock, clocks ein weitverbreitetes keltiſches Stammwort iſt und
Fels bedeutet, aga, ago aber ſtark, gewaltig heißt, ſo
durften wir ſofort den ehrwürdigen Agaglocks als Zeugen
lang verklungener keltiſcher Tage begrüßen, als Namensge⸗
noſſen unſerer Oberländer hohen Freunde keltiſcher Zunge,
des Badüs und Sixmadaun im Tale Tavetſch. Wer überhaupt
in ſolchen Seitentälern emſig ſtreift und bei Hirten und Jä⸗
gern ſich Ortsnamen einſammelt, der wird ein abſonderlich
Regiſter zuſammenbringen, das zwar nicht in Karten und
Reiſehandbüchern verzeichnet iſt, aber dem Freund keltiſcher
Sprache großen Ohrenſchmaus bereitet.
Hinter der letzten Sennhütte, bei der wir nach mehr als
zweiſtündigem Marſch angelangt waren, hören die Tannen⸗
wälder und alle größere Vegetation auf; und im kahlen Rah⸗
men der Felswände des Piz Cierva zur Linken und des Mortel
F Rechten erſcheint die weite, unermeßliche Eiswelt des
oſegg.
Beſchwerlicher Fußpfad führt nun über Steintrümmer, in
deren Ritzen die Mountanella (das Murmeltier) mit ſchrillem,
eintönigem Pfiff ſich die Langeweile muſizierend vertreibt; an
der ſonnigen Berghalde aber ſprießen aus dem Moorgrund
noch würzige Alpenblumen, buntfarbige Gentianen, wuchernde
Alpenroſen, das wie aus Filz zartgewobene Edelweiß, und
die graue kamillenähnliche Achillea moschuta, die der Enga⸗
deiner Yva nennt und zu herzwärmendem Likör künſtlich ver⸗
arbeitet, in reicher Fülle auf, und der elegante Schmetterling
Apollo flattert noch vergnügt in den Lüften.
Bald ſtanden wir am Fuß des Gletſchers; die bis ins Tal
vorgeſchobenen, kuppelartig ſich wölbenden Eismaſſen ſind mit
Felsgeſchiebe und Geröll an der Oberfläche bedeckt, die Spal⸗
ten waren offen und nicht durch Schnee tückiſch maskiert, ſo
daß man diesmal „wie auf einer Poſtſtraße“ hinanſteigen
konnte. .
Ein dreiviertelſtündiger Marſch, ohne Eishacken und ohne
das ſonſt obligate, um den Leib geſchlungene Seil, bloß mit
Hilfe des Alpenſtocks ausgeführt, brachte uns ziemlich in den


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