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Ein Bericht aus Welſchland. 97
ſtiger und fahler färbte ſich der Gletſcher, bis aus allen Spal⸗
ten und Felsritzen die leichten Nebel der Abenddämmerung
aufſtiegen und den Agaglocks mit ſeinem ganzen Eiszauber
verhüllten.
Wer ſeine Gletſcherſtudien noch weiter ausdehnen will, der
findet eine halbe Stunde oberhalb Ponte reſina ein anderes
Tal, in welchem der vom Scheitel des Bernina bis faſt an die
Straße vorgedrungene Berninagletſcher noch gewaltigere Eis⸗
maſſen entwickelt als der im Tale Roſegg.
Die Erſteigung aber iſt mit großer Mühſeligkeit verbunden
und gewährt nirgends ſo umfaſſenden und prachtvollen An⸗
blick wie die des letztern. Wir laſſen ihn daher unbeſtiegen
und kehren — um ein ſchönes rhätiſches Alpenbild reicher ge—
worden — nach Samaden zurück.
Ein Bericht aus Welſchland.
Mediolani, den 2. Juni 1852.
In der Herberg des Vater Reichmann.
Ein Bericht des Doctoris Scheffel, ſo derzeit im Welſchland herumfährt, an den
wohllöblichen Engeren in Heydelberg, von verſchiedentlicher Trinkung in
Helvetia und Lamparter Land, — item vom oguliniſchen Feldcapellan, — item
von ſeltſamlichen Handelsgeſchichten im Walliſer Land, ſo dem Meiſter Kießel⸗
bach noch nit bekannt, aber förderlich ſein werden.
Caput I.
Was die Schweiz anbelangt, ſo hört im Kandertal die Kul⸗
tur ziemlich auf. Und wie ich mit meinem Freund Martinus,
dem Steinhauer von Delsberg, in Kanderſteg angelangt, wo⸗
hin uns der ſpitzbübiſch Wirt in ſeinem gelben Kamelottfrack
nur deswillen nächtlicher Weil gratis in ſeinem Fuhrwerk mit⸗
genommen, daß er uns als unfreiwillige Gäſte in der Maus⸗
fallen fangen könnt' — (NB. und da der Weg bergan ging,
war die Wohltat die, neben dem Fuhrweſen einherzuſchreiten)
— da ſprach ich zu Martino dem Steinhauer: In dieſer
Scheffel. VII. 7
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