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110 Epiſteln und Reiſebilder. I.
leſen, beſchloß ich, deren Inhalt am geeigneten Ort mir zu eigen
zu machen. Faltete das Schreiben zuſammen, ging die via
condotti hinab auf den Corſo, und ſtieg den Corſo hinunter,
bis nahe an kapitoliniſchen Hügel. Dort, wo eyn großer Schwib⸗
bogen über eyne Seitenſtraße ſich ſpannt, ſchlug ich mich links.
In ſelbiger Gaſſe ſteht weder Torlonias noch Kolbs Bankhaus,
wohl aber — über beſcheidenem Türraum groß „Facchino“
angeſchrieben. Es war vormittags 11 Uhr. Ich trat in die
geweihte Weinſpelunk zum „Facchino“ (das deutſche „Haus⸗
knecht“ gibt den vulgären Begriff des Worts wieder) — dort,
wo ich dem bottega auf ſeine Frage ob ich eyn halbe foglietta
bianco oder nero befehle, eyn ſtolzes „un fiasco d'Orvieto“
entgegengeſchmettert, und er mit eynem ſeltſam fragenden ma
chè??! ſie angeſchrotet und — nicht entkorkt, ſondern entölt
hatte, — dort hab ich des Engeren Encycliſchen geleſen,
iterumque relegi — und in dem dreymal geſegneten Orvieto,
ſo dem Montefiasconer an Gewürz, Blum und Duft völlig
gleich kommt, aufs Wohl der Getreuen in partibus infidelium,
der Operpoſtdirektion mit Nro. 13077 und der Jungfer Kneis⸗
ler von Wittiſchweiler ſtill gerührt getrunken. Und wiewohlen
ſchon in der zehrenden Hitz und dem scirocco Welſchlands eyne
innere Urſach liegt, daß der deutſche Menſch allhiero ſträf⸗
lich viel Weines tilgt, ſo glaub ich, daß auch dieſer encycliſche
Brief dazu beigetragen, mich in ſotanem ſchweren Berufdurch alle
Zeytläufte bis anhero zu ſtärken und zu „feſtigen“, denn trotz
ausgedehnter Wirkſamkeit an ſchwierigen Plätzen (vide Foer-
ster pag. 259 s. v. Genzano und p. 567 s. v. Velletri), bin ich
bis anhero an Leib und Seele friſch geblieben — und eyn leiſer
Anflug von ſüdlicher Färbung auf der Naſe mag nach Foerſter
p. 494, eher zu den wunderbaren Lufterſcheinungen bei Son⸗
nen⸗Auf⸗ und Untergang“ in der Umgegend Roms als zu eynem
testimonio allzuſcharfer Trinkung zu zählen ſein. Iſt daher
nit mehr als billig, daß ich dem Engeren Rechenſchaft ableg von
dem Wichtigſten, was ich auf meinen Fahrten ſeithero er⸗
ſchauet und erlebet, — und wiewohlen bei der grazioſen Un⸗
geniertheyt, mit der in Italien das Daſein abgeſponnen wird,
auch vieles über den Weg lag, ſo ſich nit näher beſchreiben,
ſondern nur inter alia apokrypha mündlich referieren läßet,
ſo lieget doch eyne ſo reiche materia scribendi vor mir, daß
ich nur auf Gradwohl, wie es Zeyt und Gang der Fahrt mit
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