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112 Epiſteln und Reiſebilder. I.
auch noch auf die Köpf kriegen wie viel ander Leut, ſo ich
hierlands bereits mit und ohne Schießgewehr rumoren gehört
hab. — Iſt auch eyn alter Turm am Ufer des Thybris, torre
del Quinto, von wo aus man weit umſchaut im Land — über
die feinen Täler der Campagna bis zum monte Soracte, als
welcher jetzt noch ſo ſtolz aus der Ebene aufſteigt wie zu
Horatii Zeyt, und auf ſeinem Gipfel immer noch kahl iſt, alſo
daß zwey Reiſende von Karlsruhe vor etzlich Jahren mit Grund
in ihr Tagbuch notieret, er glich dem Schädel ihres Freundes
„Zieſel“, der wohl itzt wie allweg beim Tafernwirt Cappler
in der Kreuzſtraß ſein Bier trinkt. — Bin ſodann an den
ponte molle gewandert, wo eynſt Conſtantinus, der römiſch
Kayſer, den Maxentium ſchlug und itzt eyne rechtſchaffene Her⸗
berg ſteht, alſo daß die deutſchen Maler in früheren Tagen
dort große Zuſammenkünft und ſchwere Trinkungen hielten —
aber die Zeyten ſind vorbei und in dem eleganten Saal in
palazzo Simonetti, wo itzt der Verein der deutſchen Künſtler
aufgeſchlagen iſt, wird abends Whiſt geſpielet und den Frem⸗
den von Diſtinktion der Hof gemachet, und wenn eyner von den
guten alten Zeyten am ponte molle erzählet, ſo rümpfet man⸗
cher vornehm die Nas, als wie der Phariſäer über den armen
Zöllner.
Ich inzwiſchen hab dort eyne gute Flaſch Orvieto geblaſen
und an den wackern Maler Reinick gedacht, ſo dort wie ander⸗
wärts manch gutes Lied geſungen und itzt ſchon in kühler
Erden ſchläft, und hab die Wagen gemuſtert, ſo von Florenz
her nach der porta del popolo eynfuhren und hab eyn Stück
„italieniſcher Zuſtände“ mit angeſehen, ſo mich ſehr erfreute.
Saßen nämlich zwey Geſellen hinter eynem Verſchlag der
Oſteria und tranken eynige Korbflaſchen zu ihrem Salat und
waren wie im Hinterhalt, und wie eyn Wagen herfuhr, ergriff
der eyne ſein Krückenſtock und wurde plötzlich hinkfüßig, wackelte
hinaus und bettelte für den povero vecchio — und richtete
ſich der Grad ſeines tranſitoriſchen Fußleydens nach Beſchaf⸗
fenheyt der Kutſchen, maßen er bei eynem gemeinen Vetturin
noch notdürftig laufen konnt, wie aber eyn Kardinal mit ſeinen
drey galonierten Dienern angefahren kam, ward er von to⸗
taler Lahmheit befallen und ſchleifte ſich gotteserbärmlich über
die Straßen; ſchund aber nur zwey bajokk heraus, was ſei⸗
nen Kollegen, dem er die Ausbeut an Weintiſch zurückbracht,
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