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114 Epiſteln und Reiſebilder. I.
von Korſika, von denen eyn ſicherer Gregorovius, ſo auch eyn
ſauberer Patron ſein mag, in die Allgemeine Zeitung geſchrie⸗
ben, daß man bei ihnen aller Gedanken an deutſchen Wein ver⸗
geſſe, — vielmehro ſtellet ſich nach eynem Trunk aus dem
Quell Egeria eyn eigentümlich ſtarker Durſt in der Kehlen
eyn, alſo, daß trotz Natur und Altertum das Gemüt deſſen,
ſo ſich an geſagtem Quell geletzet, ſofort darauf gelenket wird,
ſich nach eynem guten Trunk Weines umzuſchauen. Und waren
wir vier gute Karlsruher beiſammen, ſo gleichmäßig von die⸗
ſem Durſt befallen wurden, warteten deshalb nit ab, bis wir
zum Facchino nach Rom kamen, ſondern brachen in die erſt
Herberg, ſo am Weg ſtund. Und wurde die Vermutung auf⸗
geſtellt, daß wohl König Numa der Alte auch nit umſonſt aus
dem Born der Egeria wird getrunken, ſondern ſich gleich uns
auf dem Heimweg in eyn benachbartes latiniſches Wirtshaus
verfügt haben. Konnten ſomit bei unſerem Vorhaben uns auf
eine longaeva consuetudo berufen.
Die Kneipe aber hieß osteria dei pupacci, aus welchem
Namen wir mit Grund konjunktiereten, daß hier eyn Eynkehr
für Marionettenſpieler und ander fahrendes Volk ſey, ſo im
Weichbild von Rom kein Unterkommen findet.
Und hatte der Wirt ſeinen Wein in die Erde vergraben,
um ihn friſch zu halten; der Tiſch aber ruhete auf eynem
antiken Säulenkapitäl, und glich das ganze eyner großen
Spelunke. Item, der Egeria Durſt zeigete ſich ſehr wirkſam,
und wurde von uns verſammelter, badiſcher Landeskraft ſcharf
getrunken; — alſo daß wir der Heiligkeit des Orts zu Ehren
ſchließlich nur noch in gewähletem lateiniſchem Sermon uns
bewegeten, wobei es an gelehrten Zitaten aus denen klaſſiſchen
Autoren nicht fehlete; — und Dank denen studiis, ſo wir
viere unter Leitung des Hofrat Süpfle am Lyceo Carols-
ruhensi gemacht, wehte ein Ciceroniſcher Hauch durch unſere
disputationes, und verſetzeten wir uns im Geiſte ganz in
graues Altertum; — und da der Engere eyn Freund maleri⸗
ſcher Zitate iſt, ſo frommt es wohl, eynige herzuſetzen, wie ich
ſie von meinen gelehrten Landsleuten des Abends in der
osteria dei pupacci vernommen:
„Manum de capello!“ ſprach Tibull, als ihm ſein Freund
Propertius den Hut antreiben wollte.
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