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116 Epiſteln und Reiſebilder. I.
Hennecke dem Knecht klar, wie ſelber in Bremen Schiffsdienſt
genommen, aber gar balde ſich zurückgeſehnet nach dem feſten
Land, „wohl zwiſchen Diſtel und Leine“. Dennoch iſt aber
im Seehafen von Livorno der erſt Wunſch nit nach eynem
feſten Frühſtück und ſonſtiger Atzung eynes ſeemüden Leich⸗
nams — vielmehr nach eynem knorrigen Hagedornſtock, um
all den Tagdieben, ſo dort wie eyne ägyptiſche Landplag über
den fremden „Gaſtfreund“ herfallen, eynen verdienten Re⸗
kompens auszuzahlen. Und wannen eynmal die groß Rech⸗
nung in der Welt abgetragen wird, ſo wären in Livorno mit
Hagedorn zu berückſichtigen: der Gondolier, ſo vom Dampf⸗
ſchiff bis in Hafen rudert, — die Facchini, ſo den Reiſeranzen
von dort in die dogana tragen, die ganz Zollwächterei in
ſelbem „Freihafen“, die Facchini, ſo den Reiſeranzen von der
dogana an den Fiaker tragen, die Fiaker ſelber, der Wirt zum
albergo reale ſamt ſeinem Oberkellner und dem vornehmen
Hausknecht, ſo die Päß in der Welt herumträgt, — die ganz
Zollwächterei am andern End desſelben „Freihafens“, ſo
eynen zum zweytenmal viſitieren, — item die Plombierer vor
dem Eiſenbahnhof, ſo eynen zum drittenmal moleſtieren, item
die Facchini, ſo von dort das Gepäck auf die waggones tragen.
Und hab ich ſchließlich nit anderes mehr geſprochen, als was
der Engere als Gruß nach Frankfurt geſchickt hat, und bin
ſchleunigſt nach Piſa gefahren; und ſaßen allerhand Paſſagiere
in dem Wagen, ſo man zwiſchen Weingarten und Untergrom⸗
bach nit anzutreffen pflegt, z. B. eyn armeniſcher Geiſtlicher
mit langem Bart, ein Griech mit Frau und Kind und eyner
Abyſſinierin, item zwey Türken, ſo ſich als echt auswieſen und
nit wie der königlich ſächſiſche Hoftürk auf der Induſtrieaus⸗
ſtellung aus der Gegend von Leitmeritz waren.
In Piſa iſt eyn ſchiefer Turm, teures Fuhrwerk und alles
öd; auch halten ſich in den Cascinen große Trampeltier, Dro⸗
medar, Dragomänner und anderes afrikaniſches Getier auf,
ſo auf dem heißen, ausgebrannten Erdreich ſich ſehr wohl be⸗
findet. Bin darum bald weiters gen Florentia gefahren, all⸗
wo ich mich dreyer Wochen ſehr ſtolz umhergetrieben, viel
Schönes erſchauet, und viel güldene Dukaten und ſilberne
Francesconi eingebüßet habe.
Item iſt Florenz die ſauberſte Stadt, ſo mir in Welſchland
vorgekommen, und liegt noch eyn Hauch aus der kunſtreichen
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