Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 120
(PDF, 54 MB)
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120 Epiſteln und Reiſebilder. I.

dieſelbig aus Rimini, wo ſchon zu Dantes Zeyt allerhand un⸗
glückliche Lieb ſich zugetragen und bekanntlich der Francesca
da Rimini es ſehr übel von ihrem Ehgemahl vermerket worden,
daß ſie mit ihrem Hausfreund das Buch von Lancelot und
Ginevra alleyn, zur Nachtzeyt und mit Unterbrechung zu leſen
verſuchte. (Dante Inf. V.) War zwar unſerer Signora das
Schickſal dieſer ihrer Landsmännin nit näher bekannt, alſo daß
ich in eyner gelehrten Expoſition, zu der der arciprete von
Urbino moraliſche Anmerkungen machte, ihr dasſelb des brei⸗
teren darlegte; ſchien aber dieſelb auch etwas von der Natur
beſagter Francesca inzuhaben, maßen ſie eynes Engelländers,
Sir Alfred Mitchell, in ihrem Geſpräch ſo oftmalen und ganz
ex improviso erwähnte, mir auch eynen Brief vorzeigte, den
ihr ſelber auf engliſch geſchrieben und den ſie nit verſtehen
konnt, alſo daß zu vermuten ſtand, ſie mög denſelben zu Li⸗
vorno ebenſo freundlich aufgenommen haben wie die Frauens⸗
perſonen zu Padua eynſt Herrn Schwertlein, unſeren Lands⸗
mann.
Item, ſo kam gleich am erſten Tag der Reiſen eyn ſehr
difficiler Punkt vor. Hatte uns der ſpitzbübiſch Vetturin ſtatt
nach der feinen etruskiſchen Stadt Arezzo zum Nachtlager in
das eynſame Heidewirtshaus Poggio bagnoli geführt, ſo in
eyner rauhen Hochebene, unter zwergigen Eichen, gar öd und
wie eyne Räuberherberg daliegt. Wurden inzwiſchen eyn paar
magere Hühnlein geſchlachtet und ſaßen wir beim Veſperimbiß
noch lang plaudernd beiſammen, und hatten ſich die Wirtsleut
ſchlafen gelegt. Wie aber der arciprete von Urbino durch groß⸗
mächtig Gähnen das Zeichen zum Aufbruch gab, ſo war weder
für ihn noch für die Signora eyn beſonder Licht oder candela
vorhanden, vielmehr hatte der verſimpelt Wirt von Poggio
bagnoli eyne Lampe hergeſetzt, ſo zwar drey Armleuchter be⸗
ſaß, aber an eynem eynzigen und unteilbaren Stück. Alſo warf
ſich die nicht zu beſeitigende Frag auf: Was iſt zu beginnen,
wann durch Fügung des Schickſals und Unverſtand derer Wirts⸗
leut in eyner eynſamen etruskiſchen osteria der arciprete von
Urbino, die zweyt Sängerin vom Theater in Livorno und eyn
deutſcher Doktor genötigt ſind, mit eyner eynzigen dreyarmigen
Lamp zu Bett zu gehen? — G
Und war dieſe Frag ſo difficil, daß ich nit umhin kann, ſie
als quaestio Poggio bagnolensis dem Engeren zur Erwägung


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