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130 Epiſteln und Reiſebilder. I.
ſo kommen auf einmal etzliche Italiener atemlos hinter uns ge⸗
rennet und ſchreyen, daß wir ſpringen ſollten was das Zeug
hielt, dieweil eyne Herd wilder Campagnaochſen hinter uns
dreyn käme. Werden nämlich dieſe Herden an Rom vorbeige⸗
trieben und dürfen wegen ihrer Gefährlichkeyt die Stadt nit
paſſieren, iſt auch ſtreng vorgeſchrieben, daß eyn oder zwey
Hirten eyne Viertelſtund vorausreiten und die Leut warnen,
maßen die Ochſen in wildem Trab vorwärtsdrängen und alles
niederrennen, ſo ihnen in Weg kommt. Item ſo waren die Hir⸗
ten diesmal eyn falſchen Weg geritten, und erhob ſich hinter
uns bereits eyne mächtige Staubwolk, und kam die ganz Herd
durch den engen Hohlweg dahergebrauſt, und war nirgends eyn
Unterſchlupf noch eyne Gelegenheyt, über die Mauer zu klettern.
Alſo ſprach der alt Meiſter Lotſch: „Landsmännle, jetzt gilt's!“
und ſetzte ſich in eynen wilden Galopp, und ich ſprang hinter⸗
dreyn wie das helle Donnerwetter, und hörten wir ſchon des
Schnauben des Getiers und hatten zum Glück vor ſcharfem
Rennen nit Zeyt, uns die anmutig Perſpektiven, von eynem
Campagnoochſen zertreten oder am Horn geſpießet zu werden
— wie es eynem franzöſiſchen Hauptmann vor kurzem er⸗
gangen — näher auszumalen.
Kamen auch atemlos, aber rechtzeitig an unſerer Vigna an,
wo der padrone ſchon die Tür geſchloſſen und den Eyngang
verrammelt hatte, hat uns aber, um Gottes willen und als
gute Freund, noch hereyngeriſſen, und iſt gleich darauf die ganz
wild Schar, bei der ſich auch namhafte Büffel befunden, vor⸗
überpaſſieret, — und waren alle Leut innen verſammelt, um
die Tür mannhaft zuzudrücken, falls es eynem der Ochſen eyn⸗
fallen ſollt, dawider zu rennen. Und war dies in Wahrheyt mehr
als eyn Spaß, alſo daß wir hernach ſonder Scherz und gar
andächtig unſere Fogliette getrunken — und haben viel ſchlimme
Geſchichten von ſolchermaßen angerichtetem Unglück erzählen
hören.
Und pfleg ich ſeither eyner Ochſen⸗ und Büffelherd ſorgſam
auszuweychen — alſo daß ich ſpäter eynmal auf der Heerſtraß
bei Velletri mein ganz Malergerät im Stich gelaſſen und mich
in eyn Cannafeld geflüchtet, dabei aber, wie Marius bei Min⸗
turnae, elend in eynen Sumpf geraten bin.
Beſchloß aber nach jener Aventur, Rom zu verlaſſen, dieweil
da zu Sommerszeyt nichts Gedeihliches herauskommt.
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