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Römiſche Epiſteln. 131
Caput VI.
Von eyner anmutigen Villeggiatur, ſo ich in Albano abgehalten, — von dem
ſchlechten Wirt Calpini — item von allerhand Fahrt und Lebensweis in
dortigem Gebirg.
Im Monat Julius bin ich auf der neuen appiſchen Straß
durch die öd Campagna gen Albano gefahren, ſo fünfzehn Mig⸗
lien von Rom entfernt in dem Gebirg liegt.
Iſt eyn ſauber Städtlein und ſpürt man die friſch Bergluft
allſogleich, ſo daß die Lung beim Atmen ſich förmlich ausweitet
und man froh iſt, dem Dunſtkreis von Roma Valet geſagt zu
haben. Hat ſich dort allmählich eyn Häuflein deutſcher Maler
angeſammelt, und bin ich mit ſelben in Berg und Tal vergnüg⸗
lich umhergezogen — und iſt ringsum gar ſchön Land — und
war mir jedesmal von neuem wohl ums Herz, wann ich des
Abends heimkam und die Sonn im Meer, fern über dem monte
Savello und der weiten Ebene hab untergehen ſehen. Sind
auch viel anderer Städtlein und pasësen dort im Gebirg, Ariccia,
ſo ſchon der König Porſenna mit etruskiſcher Heeresmacht über⸗
zog, aber nit erobern konnt, Genzano, ſo eynen ganz vorzüg⸗
lichen Wein pflanzet, Civita Lavinia, wo der Trojaner Äneas
um die latiniſch Prinzeſſin gefreiet, — item nach der andern
Seit Caſtel Gandolfo mit merkwürdig ſchönen Frauenzimmern,
Rocca di Papa, Frascati und viel anderweit gute Ortſchaften;
und kann hier nit näher beſchreiben, wie ich mich in jeder der⸗
ſelbigen herumgetrieben, maßen es zu weitläufig wäre. Genügt
zu ſagen, daß einem die wunderſam Schönheyt des Lands Ita⸗
lia hier überall leibhaftig vor Augen geſtellet iſt, und daß eyn gut
deutſch Gemüt hier Horatii Spruch „carpe diem“ ſich leicht
eynzuprägen vermag. G
Iſt auch viel Altertums ringsum zerſtreut — und läßt ſich
in dem vulkaniſchen Weſen des Gebirgs und der Campagna auch
manch guter Blick in die alt Werkſtatt der Natur tun. Und
hab ich mich hier ſozuſagen leiblich und geiſtig gehäutet, denn
wie ich eynmal unten am Albaner See bad, ſo erſchau ich
eynen großen, ganz runden Seekrebs, ſo in ſchiefem Zickzack ſich
unter den Steinen promenierete, und bin demſelben lang, aus⸗
gezogen und ſonder Kleidung, nachgeſtiegen, und hat mir da⸗
mals die welſch Sonn ſo ſcharf auf den Rücken gebrannt, daß
ich eynen Sonnenſtich davongetragen, der ſich ſoweit verbreytet,
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