Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 134
(PDF, 54 MB)
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134 Epiſteln und Reiſebilder. J.

der Paſſioniſten, ſo eyne Art Trappiſten ſind und ſechs Tag
in der Woch nit reden dürfen. Halten auch ſtrenge Klauſur —
und iſt nur eyn klein Stüblein außen am Kloſter zu notdürftiger
Bewirtung der fremden Pilgersleut hergerichtet.
Item ſo ſtoßen wir dreymal ins Horn, und erſcheint eyn
ſtummer Kloſterbruder — und wird ſelbem bemerklich gemacht,
daß unſer Sinn auf ein namhaft Frühſtück gerichtet ſtund. Alſo
winkt der Kloſterbruder, in das äußer Stüblein zu treten. Und
iſt dort eyn Schiebfenſter, ſo nach eynem Kloſtergang führt, und
dauert auch nit lang, ſo wird dasſelb geöffnet und eyne Platt
mit Schinken, item eyne mit Sardellen, item eyn mäßiger Stein⸗
krug Weines ſtumm herfürgeſchoben. Und war dies eyn recht⸗
ſchaffen Frühſtück; wie aber der Krug leer geworden, ſo wurd
ans Fenſter geklopfet und gerufen: altro vino! So erſchien aber
der Mönch und winkte mit der Hand, indem er zweymal mit'er⸗
hobenem Zeigefinger langſam und würdig unter dem Kinn hori⸗
zontal auf⸗ und abfuhr — und dies bedeutet auf italieniſch:
es wird nix mehr verzapft; iſt auch für alle andern Fäll, wo
man eynem „abwinkt“ — eyn verſtändlicher gestus, und ſeither
von mir, ſo eyner eyn Trinkgeld begehret, oft mit Erfolg an⸗
gewendet.
Item ſo ritten wir durch hohen Ginſterwald gen Nemi hin⸗
unter, und iſt dort eyne Oſteria mit eyner offenen Loggia und
wunderfeinem Blick auf den ſtillen, grünen See und das Meer,
wo ſchon der engliſche Posta Lord Byron ſich lange aufgehalten,
auch deren Lob in eyner ſchönen Strophe celebrieret hat. Und
hat der Wirt eyn ungeheures pranzo hergerichtet — und haben
die Italiener den alten Brauch, beim convivium zwiſchen jeder
Schüſſel eyns zu ſingen — und ſangen auch — aber ſehr un⸗
flätiger Lieder — und erhub ſich eyn ſcharfes Trinken, und hat
der Lärm vom Singen und das hitzig Getränk bewirket, daß
etzliche, ſowohl deutſcher als italieniſcher Nation, unter den
Tiſch zu liegen kamen. Und hab ich mich damals an der Seit des
wackern Meiſter Willers mannhaft gehalten, — und da ſelbiger
bei ſolcher occasion gewöhnlich an eynem gewiſſen „Nachdurſt“
zu leiden hat, ſo ſind wir wie alte Recken auf der Totenwach
geſeſſen, alſo daß unſern jungen Leuten, ſo dem Wein erlagen,
von denen Italienern kein Leids widerführe, — und haben
miteynand die letzt Flaſchen getrunken, als kein Welſcher mehr
Beſcheid tun wollte.


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