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Römiſche Epiſteln. 137
Menſchen zu erfreuen. Und wird eyne nähere Beſchreibung der
Männer, ſo dieſen Beſchluß faßten, unten nachgetragen werden.
Mir ſelber aber war mein Sinn und untadlig Gemüt ſchon
lang gen Olevano gerichtet, und wär ich auch wohl ganz eynſam
wieder zu meinen ſabiniſchen Freundinnen hinausgewandert,
denn ſoweit ich auch ſeithero in welſchen Landen umhergefahren,
ſo hab ich doch nirgends eyn fürtrefflichere Herberg gefunden als
auf ſelbigem Felskamm in der casa Baldi, wo der Menſch wie
aus eynem Adlerhorſt hinausſchaut gen der Campagne von Val⸗
montone, und nach den Hügeln von Paliano und den hoch ge⸗
türmten, fernen Bergen der Volsker und den vulkaniſchen Al⸗
baner Rücken, und hab dort im Monat Oktobris bei der dicken
Regina ſchier die beſten Tag und die beſten Gedanken gehabt
— alſo daß nit viel gefehlet, ſo wär damals die poësia wieder
über mich gekommen, ſo ich ſchon lang verabſchiedet hab.
Derohalb hatt ich auch beim Abſchied, wie wir mit dem alten
Sang: „Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus?“ den
olivenbeſchatteten Felsweg zum letzenmal hinunterſtiegen, der⸗
ſelbigen Regina hoch und ernſt verſprochen, daß ich auf Neu⸗
jahr mich wiederum bei ihr eynſtellen werd; und es hätt ſomit
bei mir der ſchlechten Koſt und Atzung von Rom nit bedurft,
un mich von der „weltſchuttführenden“ Thybris ſüdwärts zu
enken.
Alſo ſtand am Morgen des 28. Dezembris eyn wohlgerü⸗
ſteter vetturino auf dem barberiniſchen Platz, wo der ſteinerne
Triton das Waſſer durch ſeine Meermuſchel bläſt, und zwar nit
der ordinare Vetturin Raganelli von Genazzano, denn dieſen
ſchlechten Cujon, der uns im Oktobris wie die Häring in eyne
Tonne eingepackt, hatten wir ſelbesmal ſchwer offendieret, die⸗
weil, als er die übliche bouna mano forderte, ſämtliche acht Paſſa⸗
gier eynen Kreis um ihn formiereten, eynen Ringeltanz an⸗
huben und dazu das keltiſche Lied: „Ha — Ha'm — Ha'mmer
dich emol, an dei'm verriſſenen Kamiſol, du ſchlechter Kerl!“
ohnabläſſig und mit unzweydeutigen Geſten abſangen, alſo daß
er trinkgeldlos und ſehr fluchend abzog.
War diesmal der „große Rotbart“ — il gran Barbarossa
der padron der Lohnkutſche. Die vier deutſchen Männer aber,
ſo mit dieſem Barbaroſſa gen Paleſtrina verakkordiert hatten
und eynſtiegen, waren: Herr Wilhelm Heydt, ein Doctor der
Gottesgelahrſamkeit und Repetent am Stift zu Tübingen —
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