http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0148
146 Epiſteln und Reiſebilder. I.
Darſtellung. Wir andern aber ſetzten uns hinaus in die Küchen
ans warme Kohlenfeuer des Herds und ſchwatzten mancherlei,
und war eyn ſchwer Ding, die ſabiniſchen Frauenzimmer zu
belehren, daß wir nit ſamt und ſonders übergeſchnappt ſeyen,
maßen ſie von ſo tollem apparatus und der ganzen Bedeutung
ſolchen Bildweſens ſich keine klare idea formieren konnten.
Und nach eyner Viertelſtund wurden wir in Saal gerufen,
da ſtand auf hohem Tiſch, als wie aus pariſchem Marmor ge⸗
hauen, der Böblinger Magiſter und ſchaute regungslos nach
der Decke und krampfte in ſeiner Fauſt eyn ſchlangenartig Ge⸗
wind, ſo aus ſabiniſchen Schärpen und Kopftüchern geflochten
war, und rechts und links ſuchten ſich in gebückter Stellung die
zwey Genoſſen der Schlangen zu entledigen, — und lag eyn
antiker Schmerz über der ganzen Gruppe, wiewohlen die Wir⸗
tin Regina ihr judicium aestheticum in den ſchlimmen Wor⸗
ten ausſprach: ma che brutta cosa*)? Und hatten wir zwey
andern erſt eyn ſtummes Anſehen, bis die Erſchütterung des
innern Lachens mächtig herausplatzte, und erklärte ich ſofort
dem Frauenzimmer, daß dies der alte Laokoon ſey, der arciprete
von Troja — nit zu verwechſeln mit dem arciprete von Roiate
— und daß damals die Schlangen noch größer geweſen, wie
hier, wo ſie auch ſchon zu ſechs Fuß Länge anwachſen, und
dieſen Laokoontem ſamt ſeinen zwey Söhnen aufgezehret, weil
er die Götter gekränket, — und konnt nit fortfahren in der
Erklärung vor Übermaß des Lachens, dieweil jedwede Betrach⸗
tung ergab, daß die zwey Maler, ſo ſich jetzt als Söhne im
Schlangenkampf wanden, den Vater Laokoon ſcheußlich aus⸗
ſtaffieret hatten, — hatten ihm nämlich das rot Mieder der
Regina über den ſchwarzen Leibrock als wie eynen Panzer
geſchnürt und aus ſchwerem Leintuch eyn lang nach hinten ab⸗
fallenden Prieſtermantel formiert, item trotz der germaniſchen,
ſchwarzen Hoſen eyn Gewind von Lorbeer und Olzweig um
ſeine Hüften gelegt, — und ſo ſtand er trotz Mieder und
Lorbeer in der Brandung des Gelächters ſtarr und ſchmerzlich
und verzog keine Miene.
Ille simul manibus tendit divellere nodos
perfusus sanie vittas atroque veneno**).
*) Was für häßliches Zeug! G
**) Er nun ringet zugleich mit den Händen, die Knoten zu löſen,
Ganz durchſtrömt an der Binde von Eiter und ſchwärzlichem Gifte.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0148