Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 147
(PDF, 54 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0149
Römiſche Epiſteln. 147

bis daß er unter Darreichung eynes Schluckes Glühwein her⸗
abgezogen ward in Kreis der tollen Trojaner.
Item, ſo ſchickten der Meiſter Andrée und ich den Laokoon
mit ſamt ſeinen Söhnen in die Küchen und formiereten eyne
zweyte Gruppe, ſo auch der Plaſtik des Altertums entnommen
war, den Amorem und die Psychen, — und mag auch eyn
heiter Werk geweſen ſein, maßen der Amor Bruchſtücke vom
Gewand des olevaneſer Ziegenhirten und die Pſyche eynen
landesüblichen Unterrock trug. G
Item pro tertio kamen wieder die erſten an die Reihen,
und zu Beurkundung des studii neuer Malerei ahmten ſie das
Bild des Meiſters Riedel nach, ſo unter dem Namen „die
napoletaniſch Fiſcherfamilie“ männiglich bekannt iſt. Und war
wiederum eyn herzſchneidend anmutiger Blick, wie die zwey
loſen Maler den Vater Laokoon umgewandelt hatten, denn
itzund ſaß er als italieniſch Fiſcherweib am Strand, mit farbi⸗
gem Kopftuch und Schurz, und hatten ihm das gipſerne En⸗
gelsbild mit der zerbrochenen Naſen, ſo von altersher die Stu⸗
ben ziert, als Säugling an die Bruſt gelegt, und ſchaute nun
mit unverrücktem Mutterblick auf ſelbes herunter, dieweil ſich
vorn der lang Lazzaroni reckte und das Tamburin ſchlug, —
und unſere Hausdamen erklärten die Darſtellung für molto
bella, vermeinten aber, es ſey die Großmutter, ſo ihren Enkel
hielt, und nit die ſäugende Mama.
Pro quarto ward noch der alt Beliſarius aufgeführet, ſo
ſeinen jungen, erſtorbenen Führer auf den Schultern träget;
war aber die Mitternachtſtund nah herangerücket und der Scherz
zu Ende, dieweil um ſolche Zeit eyn ernſt Inſichgehen und
Schauen in Vergangenheyt und Zukunft ſich gebühret. Alſo
hülleten wir uns geiſterhaft in weiße Leintücher, nahm jeder
ſtumm ſein Glas Glühwein zur Hand, und ſchritten hinaus
in die Winternacht. Und wie wir auf der Felsplatten ſtunden,
lag tief und ſtill die Welt unter uns, maßen es in Italien nit
üblich, in dieſer Nacht ein beſonderen rumorem anzuheben —
und eyn funkelnder Sternenhimmel war ausgeſpannt über den
dunkeln Bergen, und hub ich eynen Spruch an, ſo ſich an die
Sentenz des türkiſchen Geſandten in Berlin anknüpfte: wai
Mohamed! demonstratione scandalorum! omnia futsch! und
hab ſicherlich viel Schönes und Tiefes geſprochen, ſo aber die
Winde verweht haben, und wurd um Mitternacht hell mit
10 *


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0149