Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 149
(PDF, 54 MB)
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Römiſche Epiſteln. 149

und mir und dem Sir Guglielmo aus⸗beſonderer Hochachtung
eynen zweyjährigen Rotwein, eynen wirklichen vino capitale
vorgeſetzt, und werd ich ihr dieſe Aufmerkſamkeit zeytlebens
gedenken.
Item ſo frag ich die braun Lala, was ich ihrem Freund,
dem Sir Otto in Rom ausrichten ſoll, ſo ſagt ſie, wie ſie's oft
im Ritornel geſungen hat:

Quante stelle stann' al cielo*)
Tanti bacci ti dard,
Non abbasta uno solo
Per poter mi consolar.

und damit ich's nicht vergeſſe, will ſie anheben, mir ſelber eyn
paar herzhafte Küß zu geben, die ich dann wieder geeygneten
Orts abgeben ſollt. Hat mich aber dieſe naive welſche Manier
ſchier gerühret, und hab daraus meinem Tübinger Freund die
ethnographiſche Notiz abſtrahieret: daß die Sabinerinnen, beim
Abmangel der erforderlichen Schulkenntnis zur Abfaſſung von
Liebesbriefen, ſich ſeltſamer Surrogate zu bedienen wiſſen, alſo
daß etwannen der Bot von Schwetzingen fragen könnt: Schreibt
man hierzuland den Leuten die Brief ins Geſicht?
Des andern Tags hat Scherz und Spiel eyn End genommen
und ſind wir insgeſamt von dannen gezogen und haben eyn
großen Gebirgsmarſch gemacht. Und ſtiegen durch die Schlucht
von San Vito und liefen eyn Stück in der Irr herum, und war
ſchlimme Bergwildnis und ſchlimme Bauernjagd, und wie wir
an etzlichen Sabinern mit ihren verroſteten Flinten vorbei⸗
kommen, knallt's von weitem, wo ſo eyn welſcher Petermann
nach eynem Waldſpecht oder eyner Droſſel geſchoſſen, und fahrt
der Schrotſchuß neben uns in die Hecken, alſo, daß es nit ſehr
geheuer ausſah und Meiſter Andree erklärte, er könne ſich jetzt
bald vorſtellen, wie es „tief in den Abruzzen“ zuging. Ver⸗
zogen uns darum ſchleunigſt aus deren Bereich und gingen über
den Bergkamm von San Vito und das elend Dörflein Pisciano
in eyn Seitental des Anio hinunter, — und war zwar die
Gegend wildſchön und ragten die hohe Menturella, wo der

*) So viel Sterne ſtehn am Himmel
So viel Küſſe geb' ich dir —
Nur ein einz'ger bringt ja doch nicht
Troſt in meiner Liebe mir.


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