Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 150
(PDF, 54 MB)
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150 Epiſteln und Reiſebilder. I.

Einſiedel hauſt, und von der andern Seit die kahlen, ſteilen
Mamellen ſtolz in die Niederung herab — der Weg aber hörte
auf, und war moraſtig Erdreich, ſo am Stiefel hängen blieb;
und machte uns ſo unwirſch, daß Meiſter Andrée ſchier dem
Pfaff von Pisciano, ſo mit ſeinem Brevier am Weg ſtand und
über die fremden Wandersmänner, die „zu ihrem Vergnügen“
am 2. January des Wegs kamen, lachte, ſeinen Hut angetrie⸗
ben hätt; war auch von itzt an über die Abruzzen völlig be⸗
ruhigt, zumal da er, ob unkundigen Eſelsritts am Tag zuvor,
ſich mit eynem Wolf zu ſchleppen hatte, und gab ihm der würt⸗
tembergiſch Gelehrt mit naturgeſchichtlicher Zergliederung von
Weſen und Art „des Wolfs tief in den Abruzzen“ die erlittene
Unbill mannigfach zurück. Beſſerte ſich hernachmals unter dem
hohen Neſt Siciliano die Straß merklich, und ergingen wir
uns in vielfach archäologiſcher Betrachtung über Trümmer am
Weg, maßen hierlands die Villa des Horatius ungefähr ge⸗
legen, tauften auch eynen Brunnen „zum banduſiſchen Quell“,
war aber die Pietät für den alten poetam nit ſo groß, daß wir
aus beſagtem Quell getrunken hätten.
Erſchauten auch auf den Hügeln am Anio viel große cyclo⸗
piſche Grundmauern und Ruinen, die Reſt der Städte Empu-
lum und Sassulae, und ſtand eyne eynſame Oſterie am Weg,
mit antikem Gemäuer und eynem Grabaltar, das Caſal von
Ampligione, und war die Straß öd und menſchenleer, und
ſaßen am ſchmalen Eichtiſch drinnen etzliche wüſte Geſellen,
und wiewohl Ernſt Förſter ſo ſchön ſagt: „Selten oder nie
wird man in Italien eynen Betrunkenen finden“, ſo hatte der
Wirt doch bereits eynen großen Brand, und wie er das Brot
auf den Tiſch ſtellt, fahrt er mit ſeinem ſpitzen Boviemeſſer
eynem von uns am Leib vorbei, mit dem unzweydeutigen Ge⸗
ſtus des Aufſchlitzens und ſagt: cosi si ammazza la gente *).
Wurde durch dieſen Gruß die Gemütlichkeit alſo erhöht, daß
wir uns in gedeckter Stellung an die Wand rückten, die Maler⸗
ſpieß zur Hand nahmen, im Sack nachfühlten, ob der Dolch
noch gute Springfeder habe, und den ſauren Wein mit eyner
gewiſſen Schnelligkeit auftranken. Zahlten auch die Zech nit
in Silber, ſondern in halben Bajokkſtücken, und machten uns
baldigſt fort.

*) So bringt man einen Menſchen um.


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