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15² Epiſteln und Reiſebilder. I.
mahl im Tempel des Zeus weigerte; mutmaßlich weil damals
ſchon der bekannt Muſikantendurſt eyn Loch im Staatshaus⸗
halt verurſachte. Alſo packten alle Flautiſten Cimbalſpieler
ihre Inſtrument zuſammen und hielten, als große und übliche
Demonſtration, eynen Auszug nach Tibur, und ſoll damals
in Tibur auf den Straßen eyn Gedudel entſtanden ſein wie
jetzt hier im Dezember, wenn der Pifferaro anrückt. Sprach
der Gemeinderat von Tibur: „Wie ſchaffen wir die Kerl wie⸗
der hinaus?“ und ließ die Sibylle kommen! Sprach die Sy⸗
bille: „Gebt ihr ihnen das Feſtmahl, das die Römer weigern,
und ſo ich recht in die Schickſalsbücher ſchaue, ſo wird eyn
jeglicher rechtſchaffene römiſche Stadtmuſikant ſo viel Land⸗
weines tilgen, daß er nimmer weiß, wie ihm geſchieht. Dann
fuhrwerkt ſie gen Rom.“
Alſo geſchah es; und am Morgen nach beſagtem Feſtmahl
ſtanden etzlich Dutzend zweyrädriger Ochſenwagen auf dem
Forum zu Rom, und lagen auf jedem zwey tibieines, und hatte
keiner von ihnen das Baſaltpflaſter der via Tiburtina fnarren
gehört; und lag eyne Rechnung an den römiſchen Senat dabei,
und wurden ſtatt des notwendigen Frühſtücks und ſalzenen
Harungs mit Ruten geſtrichen — und ergab ſich allerhand
Moral heraus. —
Item ſo wurden wir durch dieſe wehmütig Stadtzinkeniſten⸗
geſchicht merklich getröſtet; und hielten des andern Tags eyn
große Umſchau in und außer Tivoli; und hätt ich noch aller⸗
hand zu erzählen von Waſſerfällen und Höhlen und Klüften
des Anio, und von Tempeln und antiken Villen und alten
Olivenbäumen und herrlichem Blick auf Gebirg und in die
Campagna, von dem Gartenpalaſt derer von Eſte mit ſeinen
gewaltigen Zypreſſen, mit ſeinen Laubgängen und Fontänen,
unter denen ſich eynſtmals Arioſto vergnüglich erging und
neuerdings der Franzos gehauſt hat — aber ich ſorg, die
Epiſtel werd zu lang, — und feiern heut die Römer ihre be—
fana, und ziehen nit nur die jungen, ſondern auch die alten
Kinder mit eynem Gepfeif und Geblas aus hölzernen Trom⸗
petlein in den Gaſſen herum, daß dagegen auch die normalſte
Katzenmuſik, ſo eyner vor vier Jahren in der Heimat hören
konnt, zu eynem leiſen Seufzer zuſammenſchwindet. Will des⸗
halb ſchließen und mir auch eyn Trompetlein kaufen und den
Welſchen eyns blaſen.
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