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154 Epiſteln und Reiſebilder. I.
Grenzacher Horn bei Baſel oder in Hallau bei Schaffhauſen
ſich einen aus jener Gegend des Kellers vorſetzen läßt, wo „die
ſchwarz Katz ſitzt“, ſo wird er vollſtändig darüber klar werden,
dafß der oberrheiniſche Stoff auch nicht überzwerch im Faß liegt,
und ob er noch Zeit findet, des Rüdesheimer Weißen oder
Aßmannshauſer Roten heimwehſehnſüchtig zu gedenken, iſt zum
mindeſten ein zweifelhaft Problem.
Außerdem aber ſitzt noch allerlei mannhaft und merkwürdig
Volk an beiden Ufern des Oberrheins und auf den Bergen, die
als Ausläufer des Schwarzwaldes ſich bis ans Ufer vorſchie⸗
ben; und namentlich dort oben, wo durch ein paar tauſend
Fuß Höhe der Menſch vorerſt vor dem Hinauflecken der moder⸗
nen Kultur geſichert iſt und in friſcher Bergluft ſelber friſch
bleibt, ragen noch eigentümliche Gruppen in zäher Abgeſchloſ⸗
ſenheit und Beſonderheit, als noch nicht untergegangene Ge⸗
ſchichte deutſchen Volkstums in die Gegenwart herüber.
So wir aus der alten Stadt Baſel, wo die reichen Kauf⸗
herren wohnen und wo, wie böſe Nachbarn meinen, es den
Leuten nicht wohl iſt, wenn's nicht recht langweilig hergeht,
aufbrechen und dem Rhein, der dort ums Eck fließt, entgegen⸗
ziehen, auf der großen Heerſtraße, auf der weiland der Römer
nach der nahegelegenen Auguſta Rauracorum geritten, ſo ſind
wir bald im Bereich der vier „Waldſtädte“ und können füg⸗
lich in der erſten derſelben auf deutſchem Gebiet, in Säckingen,
der Stadt des iriſchen Apoſtels Fridolinus, deren Mauern und
Türme ſich anmutig im Rhein abſpiegeln, Einkehr nehmen.
Und ſo wir dorten an einem ſchönen Sonn⸗ oder Feiertag, etwa
am Feſt des heiligen Fridolinus, der als Patron der Gegend
weitum in hoher Verehrung ſteht, Umſchau halten auf den
Straßen, inſonderheit auf dem Platz vor der Stiftskirche, wo
das Gewimmel der ländlichen Feſtbeſucher am dichteſten wogt,
ſo werden uns allerlei Leute zu Geſicht kommen, in deren
Koſtüm und Gebaren nicht ganz die Art und das Gepräge des
modernen Kulturmenſchen zu erſchauen iſt.
Neben dem Bürgersmann in halbſtädtiſcher Tracht bewegen
ſich da langſam und gemeſſen die Inſaſſen des Rheintals und
aus dem benachbarten aargauiſchen Fricktal die Männer in
langem, bis faſt an die Knöchel reichendem Rock, Strümpfen
und Schnallenſchuhen und einem in altem Stil aufgebauten
Filzhut, die Frauen in dunklem Gewand, zum Teil mit weißer,
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