Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 156
(PDF, 54 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0158
156 Epiſteln und Reiſebilder I.

Tirol ſteht, deren würdigſten Repräſentanten, den „Brunnhäu⸗
ßer“, Ludwig Steub einſt im Hinterduxer Wirtshaus antraf,
als er erſt zu ſeinem Vergnügen wie ein Stier brüllte, ſpäter
aber dem „Mezger von Goſſenſaß“ den Hut „antrieb“ *).
So wir aber, ohne weiteren Reflexionen über die Philoſophie
des altertümlichen Koſtüms nachzuhängen, uns nach Herkom⸗
men und Stamm dieſer wohlkonſervierten Bauersmänner er⸗
kundigen, ſo erhalten wir die Auskunft: das ſind „Hotzen“, und
erfahren — wir bitten alle engliſchen Leſerinnen um Entſchul⸗
digung, aber es iſt Tatſache — daß die künſtlich gefältelte Plu⸗
derhoſe dieſer Bergbewohner, die oft zehn bis zwölf Ellen Tuch
abſorbiert und mehr koſtet als eine aus Humanns Atelier zu
Paris, dem Flachland ſo imponiert hat, daß ihre Träger hier⸗
von nach dem Grundſatz pars pro toto benamſt wurden.
Bei näherer Erkundigung erfahren wir ſodann, daß dieſe
Hotzen auch „Wälder“ genannt werden, und daß ſie von den
Höhen des Eggbergs, der über Laukingen ſeinen finſtern Rücken
erhebt, bis unter Waldshut an die Grenzen des Klettgaus hin,
die Marken der alten Grafſchaft Hauenſtein bewohnen, ihrer
Abſtammung nach reine Alemannen, wie denn auch ihre Fa⸗
miliennamen keine Spur von rheintaliſchem Keltismus mehr
an ſich tragen, z. B. Hofmann, Baumgartner, Huber, Albiez,
Strittmatter, Gottſtein, Frommherz uſw.
Laſſen Sie uns dieſen Hauenſteinern, den Freunden Hebels,
der in betreff „geſunder Nervenkraft“ ſeine Leute herauszufin⸗
den und zu ſchätzen wußte, etwas näher nachgehen und in
Sitte, Leben und Geſchichte dieſer Biedermänner einen Blick
tun, ſo gut ihn einer tun kann, der zwar das mikroſkopiſch
feine Auge H. W. Riehls nicht mitbringt, wohl aber ſelber
manch gute Stunde im Hauenſteiner Wald dem Rauſchen der
Tannen und dem Balzen des Auerhahns und auf der Hauen⸗
ſteiner Ofenbank dem „Diskurs“ des „Aetti“ und ſeinen Mären
aus alten Zeiten gelauſcht hat.
Von dem Hauptſtock des Feldbergs ſtrecken ſich zwei Gebirgs⸗
arme bis hart an die Ufer des Rheinſtroms vor und bilden mit
dieſem ein ſpitzes Dreieck. Der öſtliche endet bei Waldshut und
iſt abgegrenzt von der Schwarzach, die aus dem dunklen
Schluchſee ihr Waſſer der klettgauiſchen Wutach und dem Rhein

*) Siehe Steub „Drei Sommer in Tirol“, pag. 531.


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