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158 Epiſteln und Reiſebilder. I.
durch Beſchäftigung mit Handinduſtrie, namentlich mit We⸗
berei, Seideſpinnen und Seidekämpeln, ſowie verſchiedener Po⸗
ſamentierarbeit für die großen Seidebandfabriken, die unter⸗
nehmende Schweizer hier innerhalb der Grenzen des Zoll⸗
vereins betreiben, ſich zu einem mittleren Wohlſtand aufge⸗
ſchwungen haben.
Steigen wir einmal hinauf, um dem Hauenſteiner oben in
ſeiner Hütte einen Beſuch abzuſtatten. Am ſchönſten iſt's, an
einem duftigen Herbſttag die Berge hinanzuklimmen; da wallt
und wogt ein dampfender Nebel über dem Rhein auf und ab
und verhüllt Dächer und Turmſpitzen der alten Waldſtädte,
geiſterhafte Wolkengeſtalten werden vom Wind zu den ſchweig⸗
ſamen Tannen des Bergwaldes heraufgetrieben, wie die wilde
Jagd zieht's vorüber, und mit Hebel möchte man fragen:
„Iſch denn d'Sunne g'ſtorbe, aß ſie nit cho' will?“
Wenn aber die Höhe erſtiegen iſt, ſind wir über dem Nebel,
die Sonne bricht durch und treibt ihn vollends auseinander,
und dann ſchweift der Blick weit über den Rhein und die
ſtumpfen Vorberge des Aargaus bis hinüber zur fernen Jung⸗
frau und dem ganzen verſchlungenen Berggewimmel des Ber⸗
ner Oberlandes.
Auf der Hochebene aber ſchauen vergnüglich zwiſchen den
Tannen die Strohdächer der Wälderhäuſer hervor; hier wohnen
unſere Freunde — discreti ac diversi, ut fons, ut campus,
ut nemus, placuit — (Tac. Germ. c. XVI,); faſt bis auf den
Boden herunter reicht das große hiſtoriſche Strohdach, das
trotz aller Feuerſchauverordnungen noch immer nicht dem unbe⸗
quemeren Ziegeldach gewichen iſt; und unter derſelben Dachfirſt
befinden ſich die Wohnungen der Menſchen, der Stall und die
Scheuer, hierzuland der „Tenn“ geheißen, zu welchem auf der
Rückſeite des Hauſes auf untermauertem breitem Fahrweg,
dem ſogenannten „Einfahr“, die Frucht⸗ und Heuwägen un⸗
mittelbar hineingeführt werden können. Vor der Wohnſtube iſt
ein freier Raum, über den ſich das Dach noch herüberwölbt, zu
Aufbewahrung von allerhand Hausgerät — der Wälder heißt
ihn den „Schild“ — und neben dieſem, vor den Stallungen, wo
der Brunnen ſorgſam im Schutz von Dach und Wand ange⸗
bracht iſt, damit er im Winter nicht zuſammenfriere, iſt die
ſogenannte „Laube“.
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