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Aus dem Hauenſteiner Schwarzwald. 159
Die niedere Wohnſtube, durch deren Fenſter nur das not⸗
dürftigſte Licht hereinkommt, iſt einfach und ſchmucklos; ein
paar möglichſt buntfarbige Heiligenbilder hängen an der Wand,
und über der Tür iſt etwa ein Schränklein angebracht, wo die
„Papier, Brieff und Handſchriftlyn“, die Quelle ſo manchen
unnötigen Prozeſſes, ſorgſam verwahrt ſind. Ein ehrwürdig
Inſtitut aber darf nirgends fehlen, das iſt der koloſſale Kachel⸗
ofen mit ſeinen ſteingedeckten, übereinandergeſchichteten Ofen⸗
bänken. Dieſer Ofen hat eine kulturgeſchichtliche Bedeutung.
Die Ofenbank heißt nicht umſonſt die „Kunſt“ oder „Chauſcht“;
auf ihr liegt der Wäldler der edeln und freien Kunſt des Nichts⸗
tuns und Schnapstrinkens ob, auf ihr brütet er ſeine feinſten
Pfiffe und Schliche aus, auf ihr träumt er ſeine ſchönſten
Träume. Mag der Elfe in ſtiller Mondnacht auf ſchwankem
Blatt des Farnkrauts ſich ſchaukeln oder aus dem Kelch der
Glockenblume den Tautropfen ſchlürfen, mag der Romantiker
in der Waldeinſamkeit fernen Waldhornklängen lauſchen: das
alles iſt kein Standpunkt gegenüber der Hauenſteiner „Kunſt“.
Adolf Stahr in ſeinen Pariſer Briefen behauptet zwar:
„der Ofen iſt Proſa und nur der Kamin iſt Poeſie“; — aber
ein Winteraufenthalt zu Herriſchried im Wald würde ihn viel⸗
leicht belehren, daß noch mancherlei irdiſche Dinge ſeinen Kate⸗
gorien nicht vollkommen adäquat ſind, daß unter anderm auch
hier in behaglicher Ofenwärme reale Poeſie ſprießt. Hier ſum⸗
men, wie die Mücken, viele gute Gedanken um den Wälder
Träumer, hier liegt — als unbewußter Pfleger hiſtoriſcher
Sitte (ceterum intecti totos dies juxta focum atque ignem
agunt, Tacitus Germ. c. XVIII) — der „Hans Jörg“ „de
lange Weg überem Ofen“ und ſtützt ſein Haupt mit dem Ellen⸗
bogen; hier ſchwebt die Erinnerung an ſein „dunderſchieſſiges
Maidli“, ans Vreneli mit den kaſtanienbraunen Zöpfen, um
ihn, und er macht den Schlachtplan, wie er das nächſtemal
ſchlauer zu ihr zu „Kilt“ gehen will, daß es niemand im Dorf
merkt, und wie er auch einen handfeſten Prügel mitnehmen
will, um dem Nebenbuhler, wenn er ihm wieder am Weg ſteht,
Red und Antwort zu geben. Hier ſitzt — denn die Ofenbank
iſt hierarchiſch abgegliedert — am beſten Platz der Aetti und
„ſchnätzlet ſeinen Tubak“, und wenn der Lichtſpan angezündet,
dann rücken die Frauenzimmer („Wybervölker“ heißt eigent⸗
lich der Hauenſteiner ſeine Damen)
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