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160 Epiſteln und Reiſebilder. I.
— „'s Chüngi, und 's Anne Bäbi, und d' Marei,
Mit „de Chunklen“ ans Liecht, und ſpanne d'Saiten und ſtriche
Mittem Schwärtli's Rad und zupfen enander am Ermel,“
und dann wird am Großvater gebettelt, daß er 'was Schönes
erzähle, und wenn der Alte 's Pfifli mit Bedacht gefüllt und
am Lichtſpan angebrannt hat, dann läßt er ſich auch bewegen
und erzählt ihnen eine jener wunderſamen Geſchichten vom
„Karfunkel“ oder vom „Statthalter zu Schopfheim“, die Hebel
ſo getreu und wahr der Kunkelſtube abgelauſcht hat — oder er
weiß von ſchlimmen Tagen, „Peſtilenz und Kriegsläuften“ zu
berichten, und was ſchon längſt im Winterfroſt der Zeiten er⸗
froren und begraben lag, das wird am Wälder Ofen wieder
zum neuen Leben gewärmt — Lebenserfahrungen, Sagen, Lie⸗
der — und ſie merken erſt, wenn der Wächter draußen Mitter⸗
nacht ruft, daß es ſchon Zeit zum Heimgehen iſt.
Das iſt die „Kunſt“ — der Mittelpunkt des hauenſteiniſchen
ſozialen Lebens. Möchte es dem trefflichen Meiſter Kirner in
München, der aus jungen Tagen ſo manches Hauenſteiner
Stücklein in ſeinen Mappen beſitzt, einmal gefallen, der großen
Welt die Hauenſteiner Spinnſtube und das Leben um die
„Kunſt“ vor Augen zu führen.
Auf der Hochebene ſeiner Berge, die nur durch wenige und
unzureichende Straßen in notdürftiger Kommunikation mit
dem Rheintal gehalten ſind, und in der ſcharfen Gebirgsluft
iſt der Hauenſteiner wohl konſerviert geblieben; er iſt von alten
Schwarzwäldern derjenige, der am meiſten ehrwürdigen Roſt
der Vergangenheit — aerugo nobilis — angeſetzt hat, und
die Strömungen der letzten Jahrhunderte haben ihn, der ſo
ziemlich „außer, neben und hinter der Welt“ ſein Daſein ab⸗
ſpinnt, nicht angehaucht. Während unten im Rheintal, wo
ſeit Cäſars Zeiten der levissimus quisque Gallorum ſeine Zu⸗
flucht gefunden und allerhand fremdartige Anſätze aus der
Wanderung der Völker ſitzengeblieben, bunte Vermiſchung der
Stämme ſtattfand, blieb die hier oben ſeßhafte rein alemanni⸗
ſche Volksgruppe in den geographiſch ſtreng abgeſchloſſenen
Grenzen ihres Territoriums auch phyſiſch in ſich abgeſchloſſen.
Heiraten mit Rheintalerinnen oder Schweizerinnen finden faſt
nie ſtatt. Dazu kam dann die ſtrenge Einungsverfaſſung im
Mittelalter, die dem Hauenſtein das Ausſehen eines politiſch
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