Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 167
(PDF, 54 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0169
Aus dem Hauenſteiner Schwarzwald. 167

das geringſte Beiwerk am Kultus geändert werden ſollte, und
die Renitenz, die viele Gemeinden entgegenſetzten, wenn das
Roſenkranzbeten oder die Wallfahrten nach Einſiedeln hinüber
nicht mehr ſo häufig ſtattfinden, oder wenn das Glockenläuten
zur Bannung eines heraufziehenden Gewitters abgeſchafft wer⸗
den ſollte, hat manchem Pfarrherrn trübe Stunden verurſacht.
Der Wälder will in allem Kirchlichen entſchieden „Farbe be⸗
kannt“ haben; darum neigt er ſich auch mit Vorliebe den
neuerdings aufgetretenen Jeſuitenmiſſionen zu. Die gewaltige
Redekraft der Miſſionäre, das ungeſchminkte Ausmalen der
Sünde und ihrer Folgen, die breite Schilderung der hölli⸗
ſchen Strafen in allen Abſtufungen, all dies trifft den Punkt,
von dem aus ſein Herz zugänglich iſt, und er ſieht ſeinem
einheimiſchen Geiſtlichen ſcharf auf die Finger, ob dieſer etwa
den Kopf über die neuen Gäſte geſchüttelt. Wer den Hauen⸗
ſteiner kennt, dem iſt auch die ungeheure Wirkung erklärlich,
die ſeinerzeit der „Kalender für Zeit und Ewigkeit“, den ſo
mancher moderne Kulturmenſch naſerümpfend aus den Händen
legt, in den Hütten des Landmanns hervorgebracht hat. Der
Ton, der dort angeſchlagen wird, geht mehr in Mark und Bein
als die Süßlichkeiten der Basler Traktätlein oder nüchterne
Erbauung im Tone der Stunden der Andacht. — Wem frei⸗
lich die Volksmoral am Herzen liegt, dem bleibt manche eigen⸗
tümliche Bemerkung vorbehalten; iſt es doch vor kurzem vor⸗
gekommen, daß ein paar fromme Wälder, die ein großes
Schmuggelunternehmen aus der Schweiz herüber vorhatten,
vorher eine Wallfahrt nach Einſiedeln unternehmen ließen,
um einen günſtigen Ausgang zu erbeten. So einer jedoch ge⸗
ſehen hat, wie intenſiv der Hauenſteiner ſeinen Kultus feiert,
ſo einer etwa am Allerſeelenſonntag einem Gräbergottesdienſt
anwohnt, wenn beim Läuten der Glocken alt und jung von
allen Berghalden herab zum Friedhof herniederſteigt, mit bren⸗
nenden Kerzen einen Umgang um die Gräber hält und dann
in ſtiller Andacht der Dahingeſchiedenen gedenkt, dem klingt's
vielleicht ſelbſt wie ein Ton aus alten Zeiten durchs Herz,
und es wird ihm deutlich, daß hier die religiöſe Übung zu⸗
gleich „altheilige Sitte und Poeſie“ iſt, und daß ſie angreifen
oder moderniſieren zugleich an der Verwilderung des Bauern
arbeiten heißt.
Dem modernen Staat ſteht der Hauenſteiner etwas ſeltſam


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