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Aus dem Hauenſteiner Schwarzwald. 169
ſo fügt er ſich, wenn er wirklich etwas Unſauberes getan hat,
mit Reſignation den Folgen, ſucht etwa die Haft ſich dadurch
zu verſüßen, daß er im Stiefel eine Speckſeite, unterm Arm
das Tubakspfifli verbirgt und den Leib mit Rollen unſäglichen
Tabaks umgürtet, ſich zur Straferſtehung ſtellt; wenn's aber
vorüber iſt, ſo nimmt er nicht Abſchied vom Richter, ohne ſich
für die „gnädige Strof“ bedankt zu haben.
Allein bei der Reſignation hat's auch ſein Bewenden; ver⸗
ſtehen kann der in ſeinen alten Erinnerungen lebende Bauers⸗
mann den modernen Staat nicht, die Geſichtspunkte eines halb
bureaukratiſchen, halb konſtitutionellen Staatsſyſtems ſind nicht
die ſeinigen. Das Konſkriptionsweſen, die Ablöſung des Zehn⸗
ten mit ihrer verwickelten Berechnung, die zentraliſierte, unter
Kontrolle der Schreibſtube geſtellte Gemeindeordnung, die die
Bewirtſchaftung von Forſt und Feld ſtreng regelnden Geſetze,
und namentlich der Angriff, den die Polizeiverordnungen gegen
ſeine alten harmloſen, aber ihm teuren Sitten und Gebräuche
unternommen haben: zur Beurteilung von all dem fehlt es ihm
an der nüchternen Verſtändigkeit, wie an der Einſicht in die
Gründe ſolcher Inſtitutionen; er fühlt, daß ſie kein Fleiſch
von ſeinem Fleiſch, kein Blut von ſeinem Blut an ſich haben.
Darum denkt er mit unbeſtimmten Wünſchen an die gute alte
Zeit zurück; es iſt ihm unbehaglich, er verhält ſich ſtumpf, in⸗
different, in vielen Fällen hartnäckig, eigenſinnig, trotzig gegen
die neuen Formen. In den Vorhallen der Amtsſtuben, wo dem
Wälder in langem Warten allerlei Gedanken durch den Kopf
fliegen, finden ſich oft Inſchriften, in denen ſich eine ſonderbare
Kritik Luft macht: bei ganz unparlamentariſchen AÄußerun⸗
gen, z. B. „wenn doch nur ein heiliges Kreuzdonnerwetter
das Amthaus in Erdboden hineinverſchlüge!“ auch der Aus⸗
druck eines naiven Mißbehagens, das da fühlt, wie ihm die
Weisheit der Schreibſtube ſeinen eigentlichen Boden unter den
Füßen hinwegnimmt. „Die Welt iſt ſo voller Eitelkeiten,“
ſchrieb einſt ein Wälder Kritiker, der wahrſcheinlich in Konflikt
mit irgendeiner ihm unbekannten Verordnung geraten war,
„daß man zuletzt nicht mehr weiß, wie man auf die Füß
muß ſtehen; der gute Euſeb Völkli macht ſich, wenn es möglich,
zum Ländli hinaus.“
Eine Heranziehung des Bauersmanns durch Hingabe an
ſeine Originalität, durch Ergründung ſeiner eigentümlichen
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