Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 172
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172 Epiſteln und Reiſebilder. I.

und ein Bergrücken ſeitwärts, wo noch bei ein paar verſpreng⸗
ten Felsſtücken und Tannenbäumlein eine einſame Kapelle ſteht,
heißt das „öde Land“ oder „letzte Land“, worauf denn ſchließ⸗
lich alles aufhört.
Der tote Bühl hat deshalb auch in den Vorſtellungen der
Eingeborenen etwas Schreckhaftes; böſe Geiſter gehen dort in
mitternächtigen Stunden um, und noch nicht alte Kriminalak⸗
ten wiſſen zu berichten, daß einſtmals bei einer ſchwunghaften
Diebsbande die Zuſammenkünfte zur Aufnahme neuer Mit⸗
glieder nachts bei den Buchen des toten Bühls ſtattfanden und
der Neophyt beim Kruzifix dort ſeinen Anteil an der ewigen
Seligkeit verſchwören mußte, ehe er in das ehrenwerte Kol⸗
legium rezipiert wurde.
Jenſeits des toten Bühls geht man dem St. Blaſiſchen zu,
nach Niedergebisbach und nach dem Hauptdorf des Waldes,
nach Herriſchried, wo der Menſch nur durch tiefere Empfindun⸗
gen des Herzens mit dem Defekt der Natur verſöhnt werden

kann. „'s kommt mer nüt uf d'Gegnig (Gegend) an

z' Herriſchried im Wald“ .

ſingt Hebel. Zu den Glanzpunkten am toten Bühl gehört auch
das Dörflein Hochſchür, übel berüchtigt im Munde der Nach⸗
barn; denn ſo einem in der Umgegend nachts in den Keller ge⸗
brochen und Kartoffeln geholt, oder ſo ihm das friſchgeſchlach⸗
tete Schweinlein aus dem Kamin ausgeführt wird, ſo heißt's:
es wird den Weg alles Fleiſches nach. Hochſchür gegangen ſein.
Es hat deshalb ſchon mancher freundnachbarlich den Wunſch
ausgeſprochen, man ſollte das ganze Neſt in die Luft ſpren⸗
gen und eine Warnungstafel hinſetzen mit der Aufſchrift:
„Hier ſtand Hochſchür!“ denn der Bauer hat für alles, was
ihm unbequem iſt, ſo wenig ſentimentales Mitleid als der
Kaiſer Rotbart dereinſt für Mailand oder Cremona.
Seitwärts von Hochſchür ſteht ein einſames Wirtshaus.
Der Wind hat ſchon allerlei Defekte in Dach und Fenſterſchei⸗
ben geblaſen, was jedoch an letzteren durch ſachgemäße Pa⸗
pierverklebung wieder geflickt iſt. Den Schild zieren die drei
Könige aus Morgenland und ein abgeſtorbener Lindenbaum
ſteht trübſelig und wie mit gebrochenem Herzen nebenan. Die⸗
ſem zu Ehren heißt auch das Wirtshaus, im Geiſt der jen⸗
ſeits des toten Bühls üblichen Benamſungen, der „dürre Aſt“.


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