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Aus dem Hauenſteiner Schwarzwald. 173
In rauhen Apriltagen war mir's beſchieden, mich mit einem
Gefährten in dieſe Region des Waldes zu verirren. Nachdem
wir vom toten Bühl vergnüglich in die jenſeitigen Gefilde ge⸗
ſchaut und eine Vergleichung mit der geſegneten Gegend zwi⸗
ſchen Wittenberg und Treuenbrietzen, wo hin und wieder ein
Tannenbaum, dann hin und wieder eine Windmühle und dann
hin und wieder gar nichts in harmoniſchem Zuſammenwirken
am Horizont aufſteigt, nicht zu unterdrücken vermocht, über⸗
ſchritten wir die Schwelle des „dürren Aſts“. Der Wirt ſelber
war abweſend, er war auf den Viehmarkt zu Thiengen gegan⸗
gen, vermutlich um im Rößleintauſch oder Kuhhandel mit
den Hebräern den Grundſatz des römiſchen Rechts: in emtio-
nibus et venditionibus jure naturali se invicem decipere li-
cet, unbewußt, doch ſtreng zu befolgen.
Dagegen machte ſein Vetter die Honneurs, ſchüttelte jedem
von uns nach Landesbrauch mit gewaltigem Druck die Hand
und ſprach: „Gottwilche!“ (Willkomm). Selbiger Vetter war
ein Wälder in mittleren Jahren, von deſſen proportionier⸗
tem Durſt die rötlich ſtrahlende Naſe hinlänglich Zeugnis
gab, wie denn auch ein leeres Schnapsgläslein am Platz,
wo er geſeſſen, auf ſeine Beſtrebungen in der Gegenwart
hinwies. Wegen ſeines Geſichts hieß man ihn den „füürigen
Alexander“.
Auf die Forderung eines Mittagsmahls und eines guten
Trunks Wein geriet der „füürige Alexander“ einigermaßen
in Verlegenheit und geſtand, daß ſie eigentlich auf die Einkehr
von „Herren“ nicht gefaßt ſeien; auch ſeien ſchlechte Zeiten,
die Kartoffeln ſchon aufgezehrt, Gemüſe wachſe nicht hier oben;
wenn's nicht zu ſpät wär', ſo würde er indes gern nach Her⸗
riſchried, der Hauptſtadt, hinübergehen und beim Herrn Pfar⸗
rer ein „bizzele Suurkrut für die Herren vertlehnen“. Als ihm
jedoch erklärt wurde, daß man ſich ganz in die landübliche
Küche füge, begann Alexander den Tiſch zu decken. Hier ent⸗
ſpann ſich eine große Frage. Die Kleinodien des „dürren Aſts“
beſtanden aus einem einzigen ſilbernen Beſteck, das nach Faſſon
und Alter füglich einmal von einem „frummen Landsknecht“
hier oben als Kriegsbeute vertrunken worden ſein konnte.
Dieſes wurde hervorgeholt; da aber Alexander nicht recht ent⸗
ziffern konnte, wer von beiden Gäſten der fürnehmſte ſei, und
es ihm ein Affront ſchien, wenn er einen allein mit dem
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